Das Fundament für Nordamerika: Torhüter und Abwehrkette der Milli Takim im WM-Check
Nur noch 27 Tage bis zur Fußballweltmeisterschaft 2026 in den USA, Kanada und Mexiko. Nach 24 Jahren dürfen sich auch wieder die türkischen Fußball-Fans auf die Teilnahme ihrer Nationalmannschaft an der Endrunde in Nordamerika freuen. Nach der unvergesslichen WM 2002, als die Türkei sensationell Dritter wurde, blieben die erhofften Qualifikationen aus. Die „neue goldene Generation“ um Arda Güler, Kenan Yildiz, Orkun Kökcü und Kapitän Hakan Calhanoglu lässt die Halbmond-Nation wieder von großen Erfolgen träumen. Doch wo liegen eigentlich die Stärken und Schwächen in der türkischen Auswahl und welche 26 Akteure (drei Torhüter und 23 Feldspieler) sollten mit zur WM fahren? In der Gruppe D hat es die „Milli Takim“ mit Gastgeber USA, Paraguay und Australien zu tun. In einer exklusiven Kooperation zwischen GazeteFutbol-Chefredakteur Anil P. Polat und der GF-Partnerseite kickfieber.de werden im wöchentlichen Rhythmus die einzelnen Mannschaftsbereiche um Tor/Abwehr, Mittelfeld und Sturm sowie das Trainerteam beleuchtet und analysiert. Mit der Torhüterposition und der Abwehrkette startet diese Analysereihe.
Die Hierarchie im Tor: Eine klare Nummer eins und das Praxis-Dilemma
Drei Keeper darf Nationaltrainer Vincenzo Montella mit zur Weltmeisterschaft nehmen. Die klare Nummer eins, vor allem auch durch die Auftritte in der UEFA Champions League, dürfte zweifelsfrei Galatasaray-Goalie Ugurcan Cakir sein. Der 30-jährige Schlussmann überzeugte durch konstant gute Leistungen, starke Paraden und Reflexe. Allerdings bleibt das alte Defizit bei Ugurcan Cakir bestehen: Bei hohen Bällen bleibt der Torhüter anfällig und leistet sich weiterhin immer wieder Timing-Fehler, auch beim Herauslaufen. Behält er diese Schwächen weitestgehend im Griff, sollte er ein sicherer Rückhalt für die türkische Abwehr sein. Hinter ihm wird Vincenzo Montella wohl wieder auf Altay Bayindir bauen. Allerdings hat der aus Bursa stammende Torwart lediglich sechs Partien für Manchester United bestritten und in 540 Minuten elf Gegentreffer hinnehmen müssen. Dem Keeper mangelt es an der nötigen Spielpraxis für das Spieltempo und den Druck, den eine WM mit sich bringt. Bei einer Verletzung oder Sperre der Nummer eins wäre dies ein sehr großer Risikofaktor für die Türkei.

Aus diesem Grund wird Nationalcoach Vincenzo Montella mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit einen einsatzbereiten Torhüter als Nummer drei nominieren, mithin einen Keeper, der in dieser Saison zu großen Teilen durchgespielt hat und mit Konstanz punktete. Hier dürften vor allem Muhammed Sengezer von RAMS Basaksehir, TÜMOSAN Konyaspor-Keeper Deniz Ertas und eventuell sogar Ersin Destanoglu von Besiktas in Frage kommen. Allerdings bringen all diese Kandidaten weder die nötige internationale Erfahrung noch die Klasse von Cakir mit, sodass am Ende alle türkischen Blicke und Hoffnungen auf der Leistung eines hoffentlich topfitten Stammkeepers liegen werden.
Die Außenbahnen: Routine rechts und Premier-League-Klasse links
Auf der Rechtsverteidigerposition dürften AS Rom-Profi Zeki Celik und Mert Müldür von Fenerbahce gesetzt sein. Celik bringt Erfahrung aus diversen Spielzeiten in Frankreich und Italien sowie im Europapokal mit. Müldür ist ebenfalls fester Bestandteil eines großen Klubs wie Fenerbahce, wo traditionell erheblicher Druck auf den Spielern lastet, und blickt auf zahlreiche Einsätze für die Türkei in wichtigen Länderspielen zurück. Beide Akteure sind nicht unbedingt moderne Außenverteidiger im klassischen Sinn, die sowohl defensiv als auch offensiv für viel Bewegung sorgen. Beide Akteure haben Probleme mit dribbelstarken, pfeilschnellen Flügelspielern, die immer wieder nach innen ziehen. Hier muss das Duo umsichtig agieren und gegebenenfalls mit viel Übersicht in der Rückwärtsbewegung arbeiten. Was die Angriffsbemühungen betrifft, so sieht man Verbesserungen, jedoch fehlt es weiterhin an der Konstanz und dem benötigten Extramaß an Einfluss auf das Angriffsspiel. Tore und Assists sind eher die Ausnahme, weshalb der Fokus womöglich spätestens bei einem möglichen Weiterkommen auf der Defensivarbeit liegen wird.

Auf der linken Abwehrseite sticht ein Akteur deutlich hervor und sollte definitiv gesetzt sein. Es handelt sich dabei um Ferdi Kadioglu, der die Bezeichnung eines modernen Außenverteidigers am ehesten im türkischen Kader erfüllt. Technisch stark, wendig, defensiv solide mit einem starken Zug nach vorne und zum Tor. Bei Kadioglu spielte eine herausragende Saison in der englischen Premier League und wurde bei Brighton & Hove Albion mehrmals zum Spieler des Spiels gewählt. Der 26-Jährige ist ein gefährlicher Bonus für das Offensivspiel der Türkei. Sowohl als sichere Passstation, als auch als Vorbereiter, Torschütze oder laufstarke Anspielstation. Nur bei langen Bällen hinter die Abwehr lässt sich Kadioglu ab und an überraschen, hier muss der vielseitige Linksverteidiger aufmerksam zu Werke gehen.
Hinter Kadioglu sind die aussichtsreichen Optionen für eine WM-Teilnahme aktuell Eren Elmali von Trendyol Süper Lig-Meister Galatasaray, Mustafa Eskihellac vom Pokalfinalisten Trabzonspor und mit seinem jüngsten Formanstieg, als mögliche Überraschung, Ridvan Yilmaz von Besiktas. Elmali, Eskihellac und Yilmaz verfügen nicht über die Klasse von Kadioglu. Während Elmali und Eskihellac durch körperliche Robustheit und eine aggressive Spielweise im Eins-gegen-Eins punkten, ist Yilmaz eher ein typischer moderner Außenverteidiger, der passstark ist, die Linienläufe regelmäßig durchführt und gefährliche Flanken schlagen kann. Allerdings mangelt es Yilmaz an der Physis im Vergleich zu Elmali und Eskihellac, die wieder technisch nicht auf dem Niveau von Yilmaz sind und im Passspiel und bei Flanken deutlich abfallen. Aufgrund der Konstanz liegt dennoch das Duo zurzeit vermutlich leicht vor Yilmaz, was eine Nominierung betrifft.
Das Defensivzentrum: Körperliche Robustheit gegen Tempodefizite
In der Innenverteidigung werden vier bis fünf Akteure mit zur WM reisen. Hier treten vor allem Merih Demiral (Al-Ahli SFC) und Abdülkerim Bardakci (Galatasaray) in den Vordergrund. Daneben haben vermutlich der wiedererstarkte Ozan Kabak von der TSG 1899 Hoffenheim und Samet Akaydin von Cayur Rizespor, auf den Vincenzo Montella seit der gemeinsamen Zeit bei Adana Demirspor setzt, die besten Karten. Als fünfte Kandidaten kommen derzeit Saudi-Arabien-Legionär Yusuf Akcicek (Al-Hilal SFC), Ahmetcan Kaplan (NEC Nijmegen) und vielleicht auch Fenerbahce-Profi Caglar Söyüncü wegen seiner langjährigen Erfahrung und Eingespieltheit mit Demiral, Bardakci und Kabak in Frage, wobei man bei Letzterem betonen muss, dass er aufgrund schwacher Leistungen schon seit geraumer Zeit in der Kritik steht.

Die Stärken des türkischen Defensivzentrums liegen im Kopfballspiel – nicht nur in der Abwehr, sondern auch bei Standards (sowohl defensiv als auch offensiv) – und in der körperlichen Robustheit. Auch im Zweikampfverhalten zeigen die türkischen Verteidiger eine erfreuliche Quote. In kritischen Momenten blieben die Defensivspieler der Türkei oftmals Sieger, was wichtig ist, da bei solchen Turnieren kleine Fehler schon den Unterschied über den Ausgang machen können. Die Schwächen sind jedoch recht eindeutig: Nahezu allen Abwehrspielern fehlt es an Tempo, Reaktionsvermögen und Geschwindigkeit. Gegen schnelle, fintenreiche Angreifer und bei rasanten Kontern sowie schnellen Pässen sind die türkischen Abwehrspieler anfällig, überlaufen oder ausgedribbelt zu werden. Hier muss dieses Manko unbedingt durch perfektes Stellungsspiel, gute Raumaufteilung und die erforderliche Kommunikation zwischen den Spielern ausgeglichen werden.
Die WM-Analyse zum türkischen Mittelfeld erscheint kommende Woche auf unserer Parterseite kickfieber.de


