Die Vorbereitungen der türkischen Fußballnationalmannschaft auf die FIFA-Weltmeisterschaft 2026 laufen im US-Bundesstaat Arizona auf Hochtouren. Nach einer schmerzhaften Wartezeit von 24 Jahren meldet sich die Auswahl auf der ganz großen Weltbühne zurück. Mitten im Fokus steht dabei Leitwolf Hakan Calhanoglu, der die Mannschaft als erfahrener Anführer und Kapitän anführt. Nach einer überstandenen Verletzung strotzt der Mittelfeldstar von Inter Mailand vor Selbstbewusstsein und formuliert die Ziele für das anstehende Turnier in aller Deutlichkeit.
Der Traum vom ganz großen Pokal im Nationaltrikot
Für den 32-jährigen Spielgestalter steht fest, dass sich das Team bei der Endrunde vor niemandem verstecken muss. In einem ausführlichen Medien-Gespräch, das von der Anadolu Ajansi veröffentlicht wurde, sprach der Kapitän über seine monumentalen Ambitionen. „Mein Ziel ist es, mit der Nationalmannschaft einen Titel zu gewinnen. Ich halte mein Ziel immer hoch und das ist auch heute so. Wir sind bei der WM, mein Ziel ist natürlich das Finale, mein Ziel ist es, die WM zu holen. Ich setzte mein Ziel immer hoch an. Wenn ich dieses Potenzial nicht sehen würde, würde ich es nicht sagen. Wenn man sich unser Team anschaut, sind fast alle auf dem gleichen Niveau wie die Spieler der anderen Teams. Wenn wir so weit gekommen sind, sind wir auf einem guten Niveau“, erklärte Calhanoglu mit entschlossener Stimme. Die Mannschaft sei extrem hungrig und besitze Qualitäten, die sie von der internationalen Konkurrenz abheben. Auf die Frage, welche drei spezifischen Merkmale die Nationalmannschaft auszeichnen, entgegnete der Anführer prompt, dass das Team talentierter, stabiler und williger als die Konkurrenz sei. Auch das Lob von UEFA-Präsident Aleksander Ceferin, der das türkische Mittelfeld unlängst in höchsten Tönen adelte, nimmt der Star als rückenstärkende Motivation wahr. Während man in der Vergangenheit oft über ein unzureichendes Mittelfeld oder Probleme in der Defensive klagte, sei der Kader heute auf jeder einzelnen Position voll besetzt und extrem ausgeglichen. Jeder Spieler gebe sein Bestes, weshalb der Ausfall einzelner Akteure im System überhaupt keine Probleme mehr verursache.

Die Kindheitserinnerungen an das Sommermärchen 2002
Die emotionale Bedeutung dieses Turniers wird beim Blick in die Vergangenheit des Kapitäns deutlich. Im Jahr 2002, als die Nationalmannschaft sensationell den dritten Platz bei der Weltmeisterschaft in Südkorea und Japan errang, war Calhanoglu gerade einmal acht Jahre alt. Die Erinnerungen an jene Tage haben sich tief in sein Gedächtnis eingebrannt. „Ich erinnere mich, dass Ilhan Mansiz 2002 das Golden Goal erzielte. Ich habe mir die WM-Spiele immer in der Moschee angeschaut. Wir wollten den Koran lesen, mittags nach dem Gebet gab es Spiele, ich schaute in der Moschee zu, wir waren dort glücklich, wenn es Tore gab, flogen die Stühle in der Luft. Ich habe das im Fernsehen erlebt, jetzt werde ich es selbst miterleben. Es ist ein ganz anderes Gefühl. Wenn man klein ist, schaut man fern, man ist jetzt auf dem Spielfeld und man ist als Kapitän auf dem Spielfeld“, erinnerte sich der Inter-Profi sichtlich bewegt.
Damals seien die Gebete der Menschen in der Heimat erhört worden, und nun hoffe er inständig, dass die heutige Jugend und das gesamte Land für den Erfolg der aktuellen Mannschaft beten werden. Das Ziel sei es, das Land bestmöglich zu repräsentieren und den Fans eine Truppe zu präsentieren, die nicht nur durch fußballerische Klasse, sondern vor allem durch einen starken Charakter besticht. Druck durch den historischen Erfolg von 2002 verspüre das Team indes überhaupt nicht. Vielmehr wolle man, wenn man die Nationalmannschaft eines Tages verlässt, den Erfolg der nachfolgenden Generationen sichern. Im Trainingslager habe man sich sogar mit alten Legenden wie Bülent Korkmaz ausgetauscht, die wertvolle Anekdoten aus dem legendären, 45- bis 50-tägigen Camp von 2002 geteilt und der jungen Truppe Mut zugesprochen hätten. Zu den unvergesslichsten WM-Momenten seiner Jugend zählen für den Mittelfeldstar neben dem Golden Goal von Ilhan Mansiz auch der unvergessliche Kopfstoß von Zinedine Zidane gegen Marco Materazzi sowie das spektakuläre Weitschusstor von Ronaldinho gegen England.

Hitzeschlacht in Mesa und die Marschroute für die Gruppenphase
Die extremen klimatischen Bedingungen im Camp in Arizona stellen die Athleten vor eine harte Bewährungsprobe. Calhanoglu machte jedoch unmissverständlich klar, dass das Wetter unter keinen Umständen als Ausrede herhalten darf. Die Hitze werde den Körpern zwar alles abverlangen, doch man müsse sich so schnell wie möglich anpassen. Da es für jeden einzelnen Akteur im Kader die allererste Weltmeisterschafts-Erfahrung ist, sei die Bereitschaft zur Qual enorm hoch. Der Kapitän gab schmunzelnd zu, dass er persönlich eigentlich lieber im kühlen Regen als in der drückenden Hitze spiele, man diese Voraussetzungen nun aber professionell akzeptieren müsse. In der Gruppe D warten mit den USA, Paraguay und Australien unangenehme Aufgaben auf die Rot-Weißen. „Unser Team bereitet uns auf diese Spiele vor. Du wirst deinen Gegner nie vollständig an die Wand spielen können. So ist Fußball. Auch wenn sie uns unterlegen erscheinen, können sie gefährlich sein. Normalerweise machen die Teams gegen uns hinten dicht, was unsere Arbeit erschwert. Wir müssen uns gut vorbereiten. Unser Ziel ist es natürlich, den Gruppensieg zu holen“, betonte der Kapitän die klare Marschroute. Taktische Rechenspielchen oder das Studieren des weiteren Turnierbaums lehne er strikt ab. Man wolle sich nicht mit Eventualitäten beschäftigen, wer als potenzieller Gruppenzweiter oder Gruppenerster wartet, sondern einfach jedes einzelne Spiel gewinnen.

Mit kratzenden Nägeln an die europäische Spitze
Der Weg des geborenen Mannheimers an die absolute Weltspitze war alles andere als ein Selbstläufer. Rückblickend auf seine Anfänge im Profifußball erklärte der Mittelfeldspieler, dass die Entscheidung für die türkische Nationalmannschaft für ihn als in Deutschland geborene und aufgewachsene Person ein emotionaler Kraftakt war. Er habe jedoch immer das feste Ziel vor Augen gehabt, für das Land seiner Familie aufzulaufen, und sei überglücklich, diesen Schritt gewagt zu haben. Ein besonderer Dank gilt dabei Trainer-Ikone Fatih Terim, der ihn damals als jungen Spieler zum ersten Mal berief und ihm das Vertrauen schenkte. „Natürlich habe ich die richtige Entscheidung getroffen. Natürlich war nicht alles einfach, ich kam mit kratzenden Nägeln hierher. Ich freue mich, diesen Weg mit meinen älteren Brüdern und Schwestern in der Nationalmannschaft zu teilen. Ich möchte ihnen gesondert danken. Ich bin stolz, dass es meine erste WM-Erfahrung wird. Als Kapitän ist es nicht leicht, das Gefühl zu spüren, das ich verspüre, wenn ich aufs Feld gehe. Ich werde das zum ersten Mal bei einer WM erleben, ich warte ungeduldig“, gab der türkische Spielführer offen zu.
Das Kapitänsamt habe ihn anfangs mit Respekt und kleinen Fragezeichen erfüllt, doch das enorme Vertrauen seiner Teamkollegen habe ihm die Arbeit extrem erleichtert. Im Mannschaftsgefüge setze er konsequent auf flache Hierarchien und treffe wichtige Entscheidungen niemals im Alleingang, sondern immer im Dialog mit einem Kreis aus drei bis vier Spielern. Auch die harmonische Zusammenarbeit mit Nationaltrainer Vincenzo Montella sei ein absoluter Erfolgsgarant. Der Italiener habe ein klares System und eine unmissverständliche Taktik etabliert, wodurch sich die Mannschaft Schritt für Schritt weiterentwickeln konnte. Unter Montella stieg das Team in die UEFA Nations League A auf und qualifizierte sich für die Weltmeisterschaft. Die Bindung zum Trainer beschrieb der 32-Jährige als familiär, fast wie zwischen Geschwistern, auch wenn der Coach in kritischen Momenten in der Kabine durchaus mal lauter werden könne. Vorwürfe bezüglich seines Alters oder einer vermeintlich hohen Verletzungsanfälligkeit wischt der Inter-Star rigoros beiseite. Er spiele nach wie vor auf absolutem Elite-Niveau, fühle sich jung und habe noch viele erfolgreiche Jahre vor sich.

Die Rituale des Kapitäns und der ungestillte Hunger auf Titel
Auf Vereinsebene blickt Hakan Calhanoglu auf eine überaus erfolgreiche Zeit in Italien zurück. Nach seinem hochemotionalen Wechsel von der AC Mailand zu Inter Mailand gewann er dort stolze acht Titel und sammelte auf nationaler Ebene jeden erdenklichen Titel. Ein schmerzhafter Fleck auf seiner sportlichen Vita bleibt jedoch die UEFA Champions League, wo er bereits zweimal das Finale verlor. Diese tiefe Traurigkeit, so nah an der Trophäe vorbeigelaufen zu sein, treibe ihn bis heute an, weshalb der Gewinn der „Königsklasse“ das ultimative Ziel in seiner Karriereplanung bleibt. Um den Fokus vor wichtigen Spielen zu schärfen, setzt der Routinier auf ganz bestimmte, emotionale Rituale.
Vor dem Verlassen des Hotels telefoniert er grundsätzlich mit seiner Ehefrau und seinen Kindern, um ihre Stimmen zu hören. In der Umkleidekabine des Stadions sorgt motivierende Musik für die richtige Betriebstemperatur im Team. Die Musikauswahl wird dabei demokratisch von der Mannschaft bestimmt, wobei Hymnen von bekannten Künstlern wie Semicenk, Murda, Mero oder Sinan auf der Playlist stehen. Unmittelbar vor dem Betreten des Spielfelds folgt der finale, spirituelle Ablauf: Der Star wäscht sein Gesicht mit eiskaltem Wasser, spricht ein traditionelles islamisches Bittgebet und betritt den Rasen mit der Formulierung der Besmele auf den Lippen. Die Fans dürfen sich beim Turnier jedenfalls auf die berüchtigten Distanzschüsse des Kapitäns freuen. Hakan Calhanoglu betonte, dass er sich physisch exzellent vorbereitet habe und alles dafür tun werde, seine unnachahmliche Schusstechnik auf dem amerikanischen Rasen gewinnbringend für sein Heimatland einzusetzen.


1 Kommentar
Ich halte solche Kommentare und Artikel echt für unnötig. Jeder sollte wissen, dass wir absolut keine realistische Chance auf den Titel haben. Da gibt es Favoriten wie Spanien, Argentinien, Brasilien oder Frankreich. Dann gibt es Länder wir Österreich, Schweiz, Türkei oder Uruguay die vielleicht andere Teams ärgern können an einem guten Tag. Im englischen nennt man solche Teams „dark horse“.
Man soll die Gruppe bestehen und dann muss man gucken welchen Gegner man bekommen kann. Da sich auch die besten drittplatzierten qualifizieren können für die nächste Runde, kann man gar nicht genau sagen wer unser nächster Gegner sein könnte. Wenn man Glück hat, kann es Kanada sein.
Jede weitere Runde ist für uns Fans ein Luxus, aber über den Titel brauchen wir nicht reden und das sollte auch einem Hakan Calhanoglu bewusst sein.
Wieso spuckt man nicht kleinere Töne? Wieso sagt man nicht so was wie „Wir wollen unsere Gruppe bestehen und dann Runde für Runde einfach schauen“ oder „Wir wollen die vergangene EM einfach toppen“. Mit dem was Hakan von sich gegeben hat, setzt man sich doch unnötig unter Druck. Was passiert, wenn man in der Gruppenphase schon rausfliegen sollte? So bist du doch der Depp der Nation.