Das größte Fragezeichen: Der türkische Sturm im Check
Teil drei des großen WM-Checks zur Nationalmannschaft der Türkei. Nach der Abwehrreihe, die wie zuvor geschildert über gewisse Stärken, aber auch einige Schwächen verfügt und des Prunkstückes des türkischen Teams, dem Mittelfeld, das wir ausgiebig untersucht haben, befassen wir uns heute mit dem wohl „Manko-reichsten“ Mannschaftsbereich, dem Sturm. Und hier liegen die größten Fragezeichen im türkischen Spiel begraben. In einer exklusiven Kooperation zwischen GazeteFutbol-Chefredakteur Anil P. Polat und der GF-Partnerseite kickfieber.de werden im wöchentlichen Rhythmus die einzelnen Mannschaftsbereiche um Tor/Abwehr, Mittelfeld und Sturm sowie das Trainerteam beleuchtet und analysiert.
Das System der „falschen Neun“ als Notlösung
Anders als bei anderen Nationen, die über klassische Mittelstürmer bzw. Neuner wie zum Beispiel Erling Haaland, Victor Osimhen, Robert Lewandowski oder Harry Kane oder kurz gesagt ein „Knipser“ auf höchsten Niveau verfügen, die den Unterschied ausmachen können, kann die Türkei keinen derartigen Offensivstar aufbieten. Nationaltrainer Vincenzo Montella vertraut daher bereits seit einigen Jahren eher einem Spielsystem mit einer „falschen Neun“. Im Wechsel sind dies meist Akteure wie Baris Alper Yilmaz, Kerem Aktürkoglu oder auch mal Kenan Yildiz. Also alles eigentlich Flügelspieler, die nicht sonderlich effektiv mit dem Rücken zum Tor spielen können und über keine besondere Kopfballstärke oder klassische Strafraumbeherrschung verfügen.
Montellas Kader-Entscheidungen: Die verbleibenden Stürmerprofile
Montella entschied sich zudem dafür, mit Bertug Yildirim und Semih Kilicsoy zwei junge talentierte Angreifer, die eher das Profil des klassischen Mittelstürmers verkörpern gar nicht erst ins erweiterte 35-köpfige Aufgebot zu berufen. Mit dem Frankfurter Can Uzun und FC Porto-Profi Deniz Gül befinden sich aktuell somit lediglich zwei Spieler im Milli Takim-Kader, die das Stürmerprofil erfüllen. Mit Abstrichen wäre da zudem Aral Simsir, der neben seiner Rolle als Außenbahnspieler auch im Offensivzentrum in der Spitze agieren kann und bei seinem Verein FC Midtjylland von Zeit zu Zeit dort eingesetzt wird.

Großes Potenzial, aber noch ohne Killerinstinkt
Dieses Trio verfügt ähnlich wie die nicht berücksichtigten Yildirim und Kilicsoy über großes Potenzial, das jedoch nicht immer abgerufen werden kann. Gerade gegen Topleute wirken Uzun, Gül und Simsir oftmals blass oder noch nicht reif genug. Die positive Entwicklung dieser Spieler ist nicht von der Hand zu weisen und klar erkennbar, dennoch mangelt es diesen Spielern zurzeit noch an der Qualität und Abschlussstärke, um auf dem Level der Elite-Angreifer zu agieren und für die Türkei bei einem Turnier wie der Weltmeisterschaft ein entscheidender Faktor zu werden. All diese türkischen Angreifer sind noch sehr jung, besitzen viel Potenzial und sind ausbaufähig in ihren Skills, lassen aber den Killerinstinkt und die Qualität, die es auf diesem Niveau einfach braucht (noch) vermissen.

Ohne Weltklasse-Knipser fehlt die finale Durchschlagskraft
Zusammenfassend muss festgehalten werden, dass der größte Schwachpunkt der Türkei die Sturmspitze ist. Würde die Türkei einen echten Weltklassestürmer in ihren Reihen haben, würde man mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eine viel gefährlichere Mannschaft sein, die schlagartig um 25-30 Prozent stärker wäre, insbesondere, wenn man an Spielmacher und Vorbereiter wie Arda Güler, Hakan Calhanoglu, Orkun Kökcü, Kenan Yildiz, Baris Alper Yilmaz, Kerem Aktürkoglu oder Yunus Akgün im Mittelfeld und auf den Flügeln denkt, die das Offensivzentrum pausenlos mit guten Vorlagen füttern könnten. Daher rechnen wir nicht damit, dass die „klassischen“ Stürmer im Kader während der WM eine wichtige oder tragende Rolle im türkischen Team spielen werden.


