Im türkischen Spitzenfußball stehen nach dem enttäuschenden Abschneiden der Türkei bei der FIFA-Weltmeisterschaft 2026 tiefgreifende strukturelle Veränderungen bevor. Nach der jüngsten Sitzung der Stiftung der Klubvereinigung in einem Hotel im Istanbuler Stadtteil Besiktas trat der Präsident der Vereinigung und von Trabzonspor, Ertugrul Dogan, vor die Medienvertreter. In seiner Funktion als oberster Interessenvertreter der Profivereine kündigte er ein dringendes Treffen mit dem Türkischen Fußballverband (TFF) an. Dabei stehen wegweisende Reformen der vieldiskutierten Ausländerregelung, existenzbedrohende Einbrüche bei den TV-Einnahmen sowie die Einführung modernster Technologien auf der Agenda, um den nationalen Vereinsfussball vor dem finanziellen Kollaps zu bewahren.
Rückendeckung für Montella: Ein flammender Appell gegen Anfeindungen und Drohungen
Zu Beginn seiner Ausführungen blickte der Funktionär differenziert auf das frühe Scheitern der Nationalelf auf amerikanischem Boden zurück. Trotz der sportlichen Enttäuschung nahm er das Team sowie den Trainerstab ausdrücklich in Schutz vor der heftigen Kritik der vergangenen Tage.
„Nach vielen Jahren hat sich unsere Nationalmannschaft wieder für eine Weltmeisterschaft qualifiziert. Zudem ist sie in die UEFA Nations League A aufgestiegen. Natürlich hätten wir uns alle bessere Ergebnisse gewünscht. Unsere Nationalspieler wollten den Erfolg mehr als jeder andere. Auch unser Verbandspräsident und unser Trainer Vincenzo Montella hatten dieses Ziel. Haben die Spieler Fehler gemacht? Natürlich ist das möglich. Jeder Mensch macht Fehler. Auch der Trainer oder die Verantwortlichen können Fehler gemacht haben. Aber eines steht fest: Jeder hatte gute Absichten. Alle waren dort, um die Türkei bestmöglich zu vertreten“, bilanzierte der Klubchef die Endrunde.

Gleichzeitig verurteilte er die eskalierenden Reaktionen im digitalen Raum aufs Schärfste. Für ihn überschreiten die Reaktionen unerträgliche Grenzen, weshalb er zu einem respektvollen Umgang mahnte: „Wer im Fußball arbeitet, muss Kritik akzeptieren. Aber Beleidigungen, Beschimpfungen und Drohungen gegenüber unseren Spielern passen nicht zu uns. Diese Jungs sind alle wertvolle Menschen. Sie können Fehler machen oder Schwächen haben, aber sie tragen mit Stolz das Trikot der Nationalmannschaft. Deshalb bitte ich alle, respektvoller mit ihnen umzugehen.“
Die Ausländerregel wackelt: Vereine fordern die Rückkehr zur 12+5-Regelung
Besonders intensiv widmete sich die Versammlung der aktuellen Beschränkung für ausländische Akteure. Hier sieht die Klubvereinigung dringenden Handlungsbedarf, da das aktuelle Reglement die Kaderplanungen der Klubs massiv erschwert.
„Die Vereine sind mit der aktuellen Ausländerregel nicht zufrieden. Unser Team wird zunächst die Meinungen aller Klubs einholen. Natürlich respektieren wir die Entscheidung des Verbandes. Aber nichts ist unveränderlich. Vielleicht war diese Regel unter den damaligen Voraussetzungen sinnvoll. Heute erhalten wir jedoch berechtigte Rückmeldungen unserer Vereine. Diese werden wir dem Verband vorlegen und gemeinsam nach Lösungen suchen“, diktierte Dogan den Journalisten in die Notizblöcke.
Um den Vereinen finanzielle Planungssicherheit zu garantieren und hohe Abfindungen zu vermeiden, liegt bereits ein konkretes Konzept vor. Nach der Rückkehr von TFF-Präsident Ibrahim Haciosmanoglu soll eine neu gegründete Arbeitsgruppe das Gespräch suchen. Dogan betonte in diesem Zusammenhang: „Wir haben dem Verband bereits eine 12+5-Regel vorgeschlagen. Viele Vereine verfügen über zahlreiche Spieler, deren Abgabe mit erheblichen Kosten verbunden wäre. Trabzonspor ist darauf vorbereitet, andere Vereine möglicherweise nicht. Zudem entstehen enorme Kosten, wenn man ausschliesslich auf junge und qualitativ hochwertige Spieler setzt. Deshalb haben unsere Vereine berechtigte Anliegen.“
Finanzkrise im Oberhaus: TV-Rechte dramatisch eingebrochen
Massive Sorgen bereitet den Verantwortlichen der dramatische Wertverlust des türkischen Fußballs auf dem Fernsehmarkt. Der Rückgang der Medienerlöse bedroht vor allem die Existenz der kleineren Klubs in Anatolien.
„Früher lagen die Erlöse aus den TV-Rechten bei rund 500 Millionen US-Dollar, heute sind es nur noch etwa 185 Millionen US-Dollar. Das ist ein massiver Rückgang. Kein Verein glaubt, dass dies dem tatsächlichen Wert des türkischen Fussballs entspricht. Wir werden uns dafür einsetzen, dass die TV-Einnahmen wieder das Niveau von 500 Millionen US-Dollar erreichen. Die Fernseheinnahmen, Sponsoringerlöse und alle weiteren Einnahmen reichen einfach nicht mehr aus. Besonders die Vereine aus Anatolien kämpfen mit grossen finanziellen Problemen. Gleichzeitig steigen die Steuerbelastungen immer weiter. Jeder möchte seinem Verein, seiner Stadt und seinem Land helfen, doch unter diesen Bedingungen wird das immer schwieriger. In der Saison 2017/18 lag das Volumen der TV-Rechte noch bei 500 Millionen US-Dollar. Wir werden keine deutlich niedrigeren Summen akzeptieren. Alle Vereine stehen unter enormem wirtschaftlichem Druck. Niemand hat mehr finanzielle Reserven. Deshalb werden wir auch in dieser Angelegenheit die Unterstützung der zuständigen Stellen suchen“, warnte der Verbandsfunktionär mit Blick auf die kommende Ausschreibung Ende des nächsten Jahres.

Steuereinbussen beim Nachwuchs und die Einführung von Chip-Ball und Torlinientechnik
Neben den TV-Geldern belastet eine Reduzierung der staatlichen Nachwuchsförderung die Budgets. Die ursprünglich vollständige Steuererleichterung für Amateurabteilungen wurde schrittweise halbiert, was zu herben Verlusten führt. Eine Delegation soll daher zeitnah beim Finanzminister vorsprechen, um diese Regelung zu korrigieren, da sämtliche Mittel nachweislich kontrolliert in den Amateurbereich fliessen.
Abschliessend kündigte Dogan tiefgreifende Reformen im Schiedsrichterwesen sowie die Einführung neuer Technologien an, um die Fairness in der Trendyol Süper Lig zu erhöhen. Die Unzufriedenheit mit dem Schiedsrichterausschuss (MHK) eint die Klubpräsidenten im gemeinsamen Ziel, den Fussball zu verbessern. Zudem sprachen sich die Klubs geschlossen für technische Innovationen aus. Die Vereine haben sich dafür ausgesprochen, sowohl den Chip-Ball als auch die Torlinientechnologie künftig einzusetzen. Die Kosten wurden bereits intern besprochen und kalkuliert. Der Wunsch nach dem Einsatz dieser Systeme ist gross, weshalb nun die finalen Verhandlungen mit dem Verband angestossen werden.

