Türkischer Fußball

Nach Frankreich-Freude: Historischer und gefährlicher Sieg für die Türkei

In der Türkei wird der historische Sieg über Weltmeister Frankreich wie ein WM- oder EM-Titel gefeiert. Und es entsteht blitzschnell eine gefährliche Erwartungshaltung. Berechtigt, denn Siege sollen Freude bringen. Doch es mischt sich auch gefährlicher Überschwang in den sicherlich historischen Sieg

Gastbeitrag von Chris Ehrhardt, Redaktionsleiter Hürriyet.de

In der Qualifikation zur Europameisterschaft hat die Türkei einen historischen Sieg über Weltmeister Frankreich errungen. Die Freude darüber kennt bei den Fans kaum Grenzen. Vielfach wird schon von einem Sieg mit Signalwirkung gesprochen – und exakt da liegt die enorme Gefahr. Man läuft das Risiko, dass der historische Sieg – ohne die berechtigte Freude darüber schmälern zu wollen – angesichts der letzten verpassten fünf Endrunden-Teilnahmen bei großen Turnieren völlig überbewertet wird.

Die Türkei hat Weltmeister Frankreich in Konya mit 2:0 besiegt. Ein historischer Sieg, denn nie zuvor konnte die Türkei die “Equipe Tricolore” schlagen. Dabei wird aber leider sehr schnell vergessen, was man auf dem Platz sah: Einen müden, überspielten, saft-, lust- und kraftlosen Weltmeister, der nie den gewohnten Druck hinter den Ball brachte. Das lag einerseits natürlich an der aggressiv agierenden türkischen Mannschaft, der man den Siegeswillen ansah. Es lag aber auch daran, dass – um den WM-Vergleich zum deutschen Team 2018 in Russland anzustellen – ein Großteil der französischen Mannschaft über den Platz “hummelte”, “boatengte”, “krooste”, “müllerte” und “özilte”.

Spielte unter seinen Möglichkeiten: Weltmeister Frankreich

Leistungen konsolidieren und gegen Island liefern

Die Spieler der “Les Bleus” haben national wie international Titel in Serie abgestaubt. Sie alle haben in den europäischen Top-Ligen, in denen man sich nicht ausruhen kann, sowie auf dem Parkett der Europa League und der Champions League enorme Belastungen in den Knochen. Platt im Kopf, platt im Körper – dann kannst du eben auch mal verlieren. Es war ein trauriger Ist-Zustand, den das Team von Didier Deschamps auf dem Platz dokumentierte. Doch – um zurück zur Türkei zu kommen – auch den Gegner musst du erst einmal schlagen und das tat man.

Doch so einen Sieg muss man mit Vorsicht behandeln. Das war, auch wenn fast alle großen Namen auf dem Platz standen, nicht das Team, welches den WM-Titel holte. Psychisch und physisch. Darum wäre es mehr als vermessen, nun sofort vom Erreichen der EM-Endrunde als Muss zu sprechen. Dadurch wird unnötiger Druck aufs Team aufgebaut. Die Türkei ist im Umbau. Es sieht so aus, als würde der gut und richtig vorgenommen. Doch bei jedem Umbau gibt es satt Rückschläge. Und die werden auf die Türkei zukommen. Möglicherweise schon gegen knallharte Wikinger aus Island. Die sich zwar gegen Albanien nicht mit Ruhm bekleckert haben, aber die immer rennen, als würde es um den Titel gehen. Und hier kommt das Problem auf. Denn in den Köpfen der jungen Spieler der Türkei kann aufkeimen, dass man selbst Frankreich schlug und dementsprechend wird das gegen Island, die gegen Frankreich eine 0:4-Klatsche kassierten, ein Spaziergang. Und mit dem Gedanken holst du dir gegen Island eine Packung ab, von der du lange träumst. Die viel zerstören kann.

Kann Günes das Team erden?

Der Hauptjob von Senol Günes wird es darum momentan sein, sein Team zu erden. Und das auch bei den Fans zu versuchen. Gelingt das nicht, gibt es in Island reichlich auf die Ohren und dann ist man wieder da, wo man vorher stand. Ja, es war ein historischer Sieg gegen ein schwaches Frankreich. So und nicht anders muss man das auch sehen. Darauf aufbauen – ja. Deswegen abheben – nein. Und die Gefahr besteht zumindest in der Fangemeinde aktuell, wenn man sich die Reaktionen auf den Sieg in den Sozialen Medien anschaut. Da ist die Türkei schon designierter Europameister. Mit der Grundhaltung gewinnst du leider keinen Blumentopf. 

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Anil P. Polat

Anil P. Polat

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Hürriyet.de-Redaktion

3 Kommentare

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    10. Juni 2019 um 16:55

    “angesichts der letzten verpassten fünf Endrunden-Teilnahmen bei großen Turnieren völlig überbewertet wird.”

    man wie oft noch die Türkei war erst beim vorletzten Tunier dabei! Was für 5 verpasste Endrunden?

  2. Avatar
    10. Juni 2019 um 12:40

    Das ist das was ich nach dem Frankreich Spiel geschrieben habe. Nach so einem Sieg darf man nicht direkt ausflippen und muss auf dem Boden der Tatsachen bleiben. So ein Sieg tut natürlich richtig gut und pusht einen, jedoch muss man hier auch Island schlagen, und das wird ein komplett anderes Spiel als gegen die Franzosen.
    Ich weiß nicht in welchem Zustand unsere Spieler sind nach dem sie 6 Stunden geflogen sind und danach 2 Stunden kontrolliert wurden. Das waren einfach gezielte Psychospielchen der Isländer. Ich hoffe man holt einfach einen Sieg und geht dann in die Sommerpause.
    Es werden unter Günes auch Rückschläge geben, was ja normal ist bei einem Umbruch. Direkt zu sagen, wir müssen uns qualifizieren und bei einem großen Turnier mitmachen wäre falsch. Frankreich ist immer noch Favorit auf den ersten Platz, durch Platz 2 spielen wir ja glaub ich erst einmal in den Play-Offs.

    Selbst wenn es nichts mit der Quali für die EM 2020 wird, denke ich, dass wir auf einem sehr guten Weg sind was Talente an geht und diese einzusetzen. Bei einer Qualifikation werden hoffentlich viele türkische Spieler nach diesem Turnier ins Ausland verkaufen und uns einen Namen in Europa machen.

  3. Avatar
    10. Juni 2019 um 10:13

    Habs schon im anderen Thread geschrieben Senol Günes muss jetzt versuchen die Spieler wieder auf den Boden der Tatsachen zu holen und dafür sorgen das die Jungs nicht abheben. Wenn man aber wie gegen Frankreich so Auftritt dann bin ich mir sicher das wir gewinnen, man sollte gegen Island mehr auf Schnelligkeit und Technik setzen, die Isländer rennen zwar viel haben jetzt aber auch nicht die schnellsten Spieler wenn man da schnelle flinke jungs einsetzt kann ich mir gut vorstellen das man die schwindellig spielt