Ein Jahrhundert-Ereignis im türkischen Sport hat die Massen elektrisiert und für emotionale Sternstunden gesorgt. Das traditionsreiche 100. Gazi-Rennen, das weithin als das absolute Derby des nationalen Galopprennsports gilt und alljährlich zu Ehren des Staatsgründers Gazi Mustafa Kemal Atatürk ausgetragen wird, fand einen historischen Sieger. In einem packenden Finish auf der 2.400 Meter langen Grasbahn des vollbesetzten Veliefendi-Hippodroms in Istanbul triumphierte das Spitzenpferd Bay Nalcakan unter der Führung des legendären Jockeys Halis Karatas. Der 53-jährige Ausnahmesportler krönte seine einzigartige Karriere mit einem geschichtsträchtigen Erfolg bei diesem maximal prestigeträchtigen Jubiläumslauf.
Der Ritt in die Geschichtsbücher: Nervenstärke schlägt 22 englische Vollblüter
Das Starterfeld war hochkarätig besetzt, doch das Sieger-Duo ließ der versammelten Konkurrenz auf den letzten Metern des prestigeträchtigen Kurses keine Chance.
Mit einer exzellenten Siegerzeit von 2:29,49 Minuten setzte sich Bay Nalcakan in einem taktisch geprägten Rennen gegen insgesamt 22 englische Vollblüter durch. Den zweiten Platz auf dem Podium belegte das Pferd Rabovo mit Jockey Ahmet Celik, während sich Ersele Beyi unter Ercan Cankaya den dritten Rang sicherte. Für den sichtlich überwältigten Besitzer des Siegerpferdes, Emrah Nalcakan, bedeutete dieser geschichtsträchtige Erfolg auch finanziell einen historischen Meilenstein: Einschließlich des reinen Preisgeldes, sämtlicher Anmeldegebühren, großzügiger Bonuszahlungen und der Besitzerprämien wird dem Team eine Gesamtsumme von astronomischen 126,87 Millionen Türkischen Lira ausgeschüttet.
Emrah Nalcakan voller Stolz: „Unser Pferd hat uns nicht enttäuscht“
Unmittelbar nach dem Überqueren der Ziellinie brachen im Lager der Gewinner alle Dämme, und die Verantwortlichen ließen ihren Emotionen freien Lauf.
„Wir sind für Atatürk angetreten. Unser Pferd hat uns nicht enttäuscht. Gemeinsam mit Halis Karatas haben wir einen großartigen Sieg errungen. Unser gesamtes Team hat an diesen Erfolg geglaubt und intensiv dafür gearbeitet. Trainer, Jockey, Trainingsreiter, Tierarzt und Hufschmied – sie alle haben ihren Anteil daran. An einem so bedeutenden Tag diesen Pokal zu gewinnen, erfüllt uns mit großem Stolz“, erklärte Besitzer Emrah Nalcakan mit Tränen in den Augen. Nach dem Rennen absolvierte Halis Karatas eine ausgedehnte Ehrenrunde vor den Rängen, bei der er von den zehntausenden Zuschauern mit minutenlangem, ohrenbetäubendem Applaus gefeiert wurde. Bei der feierlichen Siegerehrung überreichte der stellvertretende Minister für Land- und Forstwirtschaft, Ahmet Gümen, den Goldpokal, während die Auszeichnung für den Trainer an Olga Nalcakan durch den stellvertretenden Gouverneur von Istanbul, Mustafa Kaya, übergeben wurde. Den Jockey-Pokal überreichte der Kommandeur der 1. Armee, General Bahtiyar Ersay.

Der Masterplan des Starjockeys: Perfekte Kontrolle auf dem Weg zum siebten Titel
Für den Altmeister im Sattel schließt sich mit diesem Triumph ein Kreis, nachdem er eine zwölfjährige Durststrecke beim wichtigsten Event des Jahres durchbrechen konnte.
Für Halis Karatas war es der insgesamt siebte Gazi-Erfolg seiner glorreichen Laufbahn, nachdem er das Derby zuvor bereits mit Ikonen wie Bold Pilot (1996), Popular Demand (2005), Hizel Beyi (2006), Anatoly (2011), Matador Yasar (2012) und Blaze to Win (2014) gewonnen hatte. „Jedes Jahr fiebert die gesamte Rennsportfamilie diesem Rennen entgegen. Doch das diesjährige Rennen hatte wegen des 100. Jubiläums eine ganz besondere Bedeutung. Es wird zu Ehren von Gazi Mustafa Kemal Atatürk ausgetragen. Die Atmosphäre war einfach überwältigend. Für mich persönlich war es unheimlich schön“, betonte der sichtlich bewegte Jockey im Interview.
Bezüglich des taktischen Verlaufs ging der Taktikfuchs ins Detail: „Mein Pferd hat mir das Rennen leicht gemacht. Schon im Training in Ankara hatte ich das Gefühl, dass dieses Pferd keinerlei Probleme damit haben würde, auf seinen Moment zu warten. Im Mehmet-Akif-Ersoy-Rennen konnte ich erkennen, wie viel Kraft tatsächlich in ihm steckt. Selbst nach 1.400 Metern lief er noch in einem enorm hohen Tempo und wurde bis ins Ziel nicht langsamer. Er erwischte einen guten Start und wir konnten uns auf Position vier oder fünf einordnen. Das Pferd ließ sich perfekt kontrollieren. Als sich rund 700 Meter vor dem Ziel eine Lücke öffnete, ging ich hindurch. In diesem Moment wusste ich eigentlich schon, dass wir gewinnen würden.“

Publikumsliebling ohne Neid: Fokus lag rein auf dem historischen Jubiläum
Die tiefe Verbundenheit zwischen dem Rekordjockey und den Turf-Fans war auf der gesamten Anlage spürbar und trieb den Routinier zu Höchstleistungen an.
„Die Zuschauer bedeuten mir sehr viel. Ich habe immer versucht, jedem Pferd die bestmögliche Chance zu geben. Dass die Fans das anerkennen, hat mich tief berührt. Als ich mit dem Pferd an den Tribünen vorbeiging und die Begeisterung hörte, war das ein sehr emotionaler Moment“, schilderte Karatas die elektrisierende Kulisse. Den Rekord seines jüngeren Kollegen sieht er derweil sportlich gelassen: „Darüber denke ich gar nicht mehr nach. Ahmet Celik hat noch viele Jahre vor sich und wird sicherlich noch neun oder zehn Siege erreichen können. Für mich war vor allem das 100. Gazi-Rennen etwas ganz Besonderes. Dass ich gerade dieses Jubiläumsrennen gewinnen durfte, macht mich unheimlich glücklich.“

Volksfest in Veliefendi: Tausende Familien feiern ein unvergessliches Sportfest
Schon viele Stunden vor dem ersten Glockenschlag glich das weitläufige Areal in Istanbul einem riesigen Festivalgelände, auf dem Generationen zusammenkamen.
Tausende Rennsportfans aus allen Ecken des Landes strömten zusammen, machten es sich im Picknickbereich gemütlich und feierten den geschichtsträchtigen Renntag. Für besondere Aufmerksamkeit sorgten die 13-jährigen Zwillingsbrüder Ibrahim und Ismail, die mit ihrem Vater vor Ort waren. „Heute findet das 100. Gazi-Rennen statt. In zehn Jahren, beim 110. Gazi-Rennen, werde ich 23 Jahre alt sein – und dann wird mein eigenes Pferd gewinnen. Es soll den Namen ‚Zwillinge‘ tragen“, verkündete Ibrahim selbstbewusst seinen großen Zukunftstraum, während die prall gefüllten Tribünen bis weit in den Abend hinein den neuen Champion feierten.


