Großes Herz abseits des grünen Rasens: Der Abwehrstar der Nationalmannschaft initiiert ein emotionales Gastronomie-Projekt für Veteranen und gedenkt seiner Mutter
Der international erfolgreiche Innenverteidiger der türkischen A-Nationalmannschaft, Merih Demiral, der zuletzt mit seinem Klub Al-Ahli die Meisterschaftstrophäe in der saudi-arabischen Pro League stemmen durfte, sorgt in seiner Heimat für Schlagzeilen der besonders emotionalen Art. Gemeinsam mit seiner Familie hat der Defensivkünstler im Stadtteil Karamürsel der Provinz Kocaeli ein exklusives Restaurant-Café eröffnet. Der neu formierte Betrieb, der mit 12 Mitarbeitern Spezialitäten der Weltküche serviert, hat bereits am 25. März seine Pforten für die Kundschaft geöffnet. Das Etablissement trägt den symbolischen Namen Café „28“. Hinter dieser Ziffer verbirgt sich eine tiefe, tragische Familiengeschichte, da die geliebte Mutter des Profis an einem 28. Dezember bei einem schweren Verkehrsunfall ums Leben kam. Aus diesem Grund trägt der Abwehrspieler auf seinen Vereinstrikots seit jeher diese Nummer.
Auf ausdrücklichen Wunsch des Nationalspielers hin hebt sich das Konzept des Lokals jedoch drastisch vom gewöhnlichen Gastgewerbe ab. Familien von gefallenen Soldaten, sogenannte Märtyrerfamilien, sowie Kriegsveteranen erhalten in dem Lokal an jedem Tag und zu jeder Stunde des Jahres einen vollständig kostenlosen Service. Wie der 62-jährige Vater des Spielers, Burhan Demiral, sichtlich bewegt schilderte, stand dieser Dienst am Mitmenschen für seinen Sohn von vornherein fest. Der Vater gab zu Protokoll, dass der Dienst an den Märtyrerfamilien der explizite Wunsch seines Sohnes gewesen sei und man diesen Vorschlag im Familienkreis sofort in die Tat umgesetzt habe. Für die Märtyrer sei dieser Ort immer kostenlos, jeden Tag, da diese Menschen der Stolz der gesamten Türkei seien und man ihnen das höchste Vertrauen entgegenbringe. Neben diesem permanenten Angebot veranstaltet die Familie spezielle Aktionstage für behinderte Mitbürger und plante für den geschichtsträchtigen 19. Mai eine groß angelegte Werbeaktion für die lokale Bevölkerung, nachdem bereits am Kindertag am 23. April alle Speisen zum halben Preis angeboten wurden.

Ausgeprägtes soziales Bewusstsein zieht sich wie ein roter Faden durch die Profilaufbahn
Das soziale Engagement des ehemaligen Juve-Profis beschränkt sich keineswegs nur auf die heimische Gastronomie. Der Vater des Nationalverteidigers hob hervor, dass sein Sohn extrem sensibel auf gesellschaftliche Hilfsbedürftigkeit reagiere und erst im vergangenen Ramadan einen Monat lang tägliche Iftar-Essen für die Bevölkerung finanzierte. Auch bei den verheerenden Erdbebenkatastrophen in der Türkei fackelte das Defensivbollwerk nicht lange, mobilisierte seine Kontakte und versteigerte wertvolle Originaltriktots von einstigen Weltstar-Teamkollegen wie Cristiano Ronaldo, um die Erlöse vollumfänglich den Hilfsorganisationen zur Verfügung zu stellen.
Sein älterer Bruder Fatih Demiral, welcher die operativen Geschäfte im neu eröffneten Betrieb leitet, führt diese ausgeprägte Nächstenliebe auf die Erziehung im Elternhaus zurück. Der Bruder erklärte, dass die gesamte Familie sehr emotional und gewissenhaft agiere und man diese Werte von Mutter und Vater vorgelebt bekommen habe. Wenn man eine Situation sehe, in der Hilfe dringend vonnöten sei, bringe man es schlichtweg nicht übers Herz, unsensibel wegzuschauen. Das gemeinsame gastronomische Konzept solle eine völlig neue Vision nach Karamürsel bringen, weshalb man neben Klassikern auch moderne kulinarische Trends wie Sushi, spezielle Rollen-Variationen oder Frühstücks-Bowls mit Avocado anbietet, um der lokalen Bevölkerung etwas Außergewöhnliches zu bieten.

Unbändiger Nationalstolz und skurrile Kabinen-Mythen vor dem großen WM-Turnier
Die bevorstehende Weltmeisterschaft im Juni, die gemeinschaftlich von Amerika, Kanada und Mexiko ausgetragen wird, wirft bereits ihre Schatten voraus und genießt im Hause Demiral einen gigantischen Stellenwert. Der Vater erinnerte sich an die Anfänge der Karriere, als sein Sohn im Alter von acht Jahren mit dem Vereinsfußball begann und sich weder von Regen, Schnee noch Schlamm bremsen ließ. Über die Jugendakademie von Fenerbahce führte der steinige Weg mit 18 Jahren ins Ausland nach Portugal zu Sporting Lissabon, ehe über Corendon Alanyaspor, US Sassuolo und die italienischen Spitzenklubs Juventus Turin sowie Atalanta Bergamo der Sprung nach Saudi-Arabien gelohnt wurde. Der Vater betonte voller Stolz, dass der Nationalismus seines Sohnes tief aus der Kindheit stamme, und fügte hinzu, dass er der aktuellen Nationalmannschaft nach der 20-jährigen WM-Abstinnenz den ganz großen Wurf zutraue, da das Team eine sehr gute Gruppe erwischt habe.
Bruder Fatih gewährte zudem schmunzelnd Einblicke in ein recht skurriles Ritual des Innenverteidigers, das schon in der Jugendzeit für Verwirrung sorgte. Wenn man vor dem Anpfiff als Team schaue, gehe der Verteidiger ungelogen überall als Letzter hin, sodass man beim Zählen auf dem Platz oft nur zehn Akteure vorfinde und sich frage, wo er bleibe. Sobald er jedoch den Rasen betrete, mutiere er zu einem völlig anderen, unbändigen Spieler. Vor den wichtigen Partien schotte sich der Abwehrspieler zudem komplett ab, um sich mit traditionellen Klängen zu pushen. Vor den Spielen bevorzuge er Musik wie die Mehter-Marschmusik und die Plevne-Hymne, um maximal motiviert auf den Platz zu gehen. Die Nationalmannschaft sei für ihn schlichtweg ein heiliger Ort; er leide extrem unter Niederlagen und brenne förmlich darauf, für sein Heimatland alles zu geben. Das große Ziel der gesamten Kabine sei es, bei der anstehenden Weltmeisterschaft bis in das Finale vorzustoßen und die begehrte Trophäe mit nach Hause zu bringen.

Zukunftsvisionen im Zeichen der Heimat: Eine Rückkehr als Spielführer steht im Raum
Obwohl der Abwehrstar im besten Fußballeralter aktuell seine Schuhe in der saudi-arabischen Liga schnürt und dort einen klaren, professionellen Karriereplan verfolgt, träumt die Familie bereits leise von einer emotionalen Rückkehr zu den fußballerischen Wurzeln. Sowohl der Vater als auch der Bruder machten keinen Hehl daraus, wo sie den verlorenen Sohn in den späteren Jahren seiner Laufbahn am liebsten sehen würden.
Ein späteres Engagement beim traditionsreichen Heimatklub Kocaelispor ist im Hause Demiral ein wiederkehrendes Thema bei familiären Gesprächen. Auf die direkte Frage nach einer Rückkehr in die türkische Liga entgegnete das Defensivgenie laut den Aussagen seines Vaters mit einem vielsagenden Schmunzeln. „Jetzt in Arabien weiß ich nicht, was die Zukunft zeigen wird. Aber ich hoffe, ich möchte dich in den folgenden Jahren nach Arabien in Kocaelispor sehen. ‚Warum nicht?‘ sagt er. Er übernimmt diesen Gedanken also“, verriet Burhan Demiral über die Bereitschaft seines Sohnes. Der ältere Bruder Fatih ergänzte abschließend, dass es ihm ein absolutes Fest für das Herz wäre, seinen Bruder eines Tages im grün-schwarzen Trikot und mit der Kapitänsbinde am Arm das Stadion in Kocaeli betreten zu sehen.



