Montella: „Ich hätte gegen jeden spielen wollen – außer gegen Italien“
Der Nationaltrainer der türkischen A-Nationalmannschaft, Vincenzo Montella, hat in einem exklusiven Interview mit der renommierten italienischen Tageszeitung La Gazzetta dello Sport tiefe Einblicke in seine Gefühlswelt und die sportlichen Ziele der Mannschaft gewährt. Vor dem Duell gegen Frankreich äußerte sich der Italiener gewohnt offen über seine persönlichen Prioritäten bei Länderspielen, die Entwicklung der Mannschaft und kommende Herausforderungen.
Auf die Frage nach einem Wunschgegner bezog der Nationalcoach eine eindeutige Position und gestand ehrlich: „Ich hätte gegen jeden spielen wollen, nur nicht gegen Italien. Und erst recht nicht zweimal innerhalb weniger Tage. Ich weiß, dass ich sehr emotional sein werde, aber die Türkei hat ein Ziel: das Viertelfinale der Nations League zu erreichen, entweder als Erster oder Zweiter.“
GazeteFutbol gibt es jetzt auch als APP – Jetzt herunterladen!
Fehlende Leistungsträger als Chance für den Kader
Besonders die Personalsituation bereitet der Führungsetage vor den nächsten richtungsweisenden Partien einige Sorgenfalten. Neben den verletzungsbedingten Ausfällen der Leistungsträger Hakan Calhanoglu und Kenan Yildiz muss das Team auf weitere Stützen verzichten. Montella blickt jedoch pragmatisch auf die schwierige Situation: „Auch Mert Müldür wird nicht dabei sein. Dadurch wird es zwar schwieriger, gleichzeitig entsteht aber auch eine Gelegenheit, neue Spieler auszuprobieren.“
Zugleich zeigte sich der Übungsleiter hochmotiviert, das Nationalteam im Konzert der Großen zu etablieren: „Italien hat sich stark verändert, und das betrifft nicht nur den Trainer. Auch wir haben viele junge Spieler in unserem Kader, und das ist nichts Neues. Manchmal ist der Zeitpunkt vielleicht etwas früh, aber in diesem Format darf man kein einziges Spiel verlieren. Trotzdem ist es schön, dass es so ist. Alle Spiele sind entscheidend. Wir spielen zum ersten Mal in der Liga A der Nations League. Wir wollen uns mit den Besten Europas messen.“

Geduldsspiel bei Kenan Yildiz und Lob für Altstar Mancini
Einen besonderen Fokus richtete der italienische Taktiker auf Toptalent Kenan Yildiz und dessen taktische Entfaltung im Nationaltrikot. Montella zog dabei einen namhaften historischen Vergleich heran, um das Potenzial des Offensivspielers zu verdeutlichen: „Als Del Piero am Anfang seiner Karriere stand, wurde er ebenfalls mit Baggio verglichen. Er hat Talent und das Potenzial, ein großer Spieler zu werden. Yildiz wird einer der Besten der Welt sein. Vielleicht ist Kenan heute kein klassischer Zehner, aber in diesem Alter verändert und entwickelt man sich. Er kann auch auf dem Flügel beginnen, nach innen ziehen und von dort aus die Rolle des Zehners übernehmen.“
Ebenfalls ein Thema des Gesprächs war das Verhältnis zu Trainerkollege Roberto Mancini, mit dem ihn eine gemeinsame Zeit als Profi bei Sampdoria Genua verbindet. „Wir sehen uns nicht oft, aber zwischen uns herrschen gegenseitiger Respekt, Wertschätzung und Zuneigung. Wir haben bei Sampdoria zusammen gespielt. Ich glaube an ihn. Er verfügt über die Erfahrung und das Wissen, um Italien wieder an die Spitze zu führen. Er ist der Richtige“, betonte Montella demonstrativ.

Aufarbeitung der Weltmeisterschaft 2026 und Vertrauen des Verbandes
Scharfzüngig zeigte sich der Cheftrainer bei der Rückschau auf die Leistungen während der Weltmeisterschaft 2026 in Amerika. Die verpassten Gelegenheiten auf der ganz großen Bühne analysierte er ohne Schmeicheleien: „Das ist eine gute Frage. Wenn wir uns die Ergebnisse ansehen, ist es definitiv nicht gut gelaufen. Wenn wir uns die Leistungen ansehen, hätten wir es besser machen können. Wir hatten ein wenig Pech, aber ich suche keine Ausreden. In den ersten beiden Spielen hätten wir vor dem Tor effektiver sein müssen, um mindestens einen Punkt zu holen. In dieser Hinsicht waren wir nicht gut genug.“
Dass er trotz des enttäuschenden Abschneidens weiter im Amt blieb, führt der Coach auf eine nachhaltige Arbeitsweise zurück. Rückblickend auf Gerüchte über eine vorzeitige Entlassung stellte er klar: „Das stimmt, aber man hat mich nicht anhand dieser beiden Spiele beurteilt, sondern anhand meiner gesamten Arbeit. Ich habe das Amt zu einem Zeitpunkt übernommen, als wir keine Chance hatten, uns für die Europameisterschaft zu qualifizieren, und wir haben die Gruppe gewonnen. Wir haben eine großartige Endrunde gespielt. Nach 24 Jahren haben wir die Weltmeisterschaft erreicht und spielen erstmals in der UEFA Nations League A. Eine Entlassung wäre nachvollziehbar gewesen, doch der Verband hat darüber hinaus und in die Zukunft geblickt.“

Der Blick auf die Türkei als Wachstumsmarkt und Trainer-Invasion
Neben rein sportlichen Themen hob der 52-Jährige die dynamische Entwicklung seines Gastlandes im europäischen Vergleich hervor. „Ich bin seit fünf Jahren in der Türkei. Meiner Meinung nach ist sie das jüngste Land Europas. Überall gibt es Wachstum, und es wird sehr viel in den Sport investiert. Hier wird alles langfristig geplant“, erläuterte Montella im Gespräch mit dem Journalisten. Diese Entwicklung spiegele sich direkt im Transfergebaren der Klubs wider, die nicht mehr nur etablierte Größen wie Dusan Vlahovic verpflichten, sondern verstärkt in junge Perspektivspieler investieren.
Auch die Ankunft namhafter italienischer Trainerkollegen in der Trendyol Süper Lig begrüßt der Nationalcoach ausdrücklich. Auf die Personalie Vincenzo Italiano bei Besiktas angesprochen, verriet Montella kurz: „Vincenzo ist ein großartiger Mensch, wir sprechen häufig miteinander.“ Als stärksten Akteur der italienischen Auswahl hob er unterdessen Keeper Gianluigi Donnarumma hervor („Gegen Gigio ein Tor zu erzielen, ist wirklich schwierig“). Wer wiederum das größte Juwel in den Reihen der Türken ist, behielt der Trainer augenzwinkernd für sich: „Das werde ich niemals verraten.“



