Am heutigen Freitagabend startet für die türkische Nationalmannschaft eine wahre Periode der Bewährungsprüfung auf höchster Spielebene. Denn erstmals in ihrer Verbandsgeschichte tritt die Türkei in der Liga A der UEFA Nations League, der Eliteklasse des Wettbewerbs, an und hat es mit echten Hochkarätern wie Frankreich, Italien und Belgien zu tun. Das größte Fragezeichen steht dabei nicht nur hinter dem Leistungsniveau der türkischen Mannschaft und der Frage, ob sie sich auf diesem Level durchgehend behaupten kann, sondern auch hinter Nationaltrainer Vincenzo Montella, der seit Langem nicht mehr unumstritten ist.
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Das bittere WM-Aus der „Goldenen Generation“
Grund ist der extrem schwache taktische Auftritt des Teams während der Weltmeisterschaft im Sommer, als man mit der neuen „Goldenen Generation“ um Arda Güler, Hakan Calhanoglu, Kenan Yildiz, Ferdi Kadioglu, Can Uzun, Orkun Kökcü und Co. sowie großen Ambitionen anreiste. Doch bereits nach den ersten beiden Gruppenspielen und Niederlagen gegen Australien und Paraguay war vorzeitig Schluss für die „Milli Takim“. Die zerstörten türkischen Träume konnten auch mit dem Abschlusssieg gegen die USA nicht getröstet werden.
Montellas erfolgreiche Bilanz vor der Weltmeisterschaft
Die Vita von Montella liest sich dabei bis zu diesem Turnier an sich mehr als positiv. Der 52-jährige Italiener führte die Türkei durch eine erfolgreiche EM-Qualifikation und erreichte nach starken Auftritten während des Turniers das Viertelfinale der EURO 2024 und schnupperte am Halbfinale. Dann schaffte man unter Montellas Regie erstmals den Aufstieg in die UEFA Nations League A und erreichte nach einer schweren WM-Qualifikation sowie aufreibenden Playoff-Duellen gegen Rumänien und den Kosovo schlussendlich nach 24 Jahren wieder eine WM-Endrunde.

Taktische Schwächen und fehlende Alternativen
Doch dort offenbarten sich die angesprochenen taktischen Schwächen und Fehler von Montella, der weiterhin an einem Spielsystem ohne echten Mittelstürmer festhält und zugleich permanent auf dieselben Spieler als falsche Neuner setzt wie Kerem Aktürkoglu oder Baris Alper Yilmaz, die gegen hochgewachsene Innenverteidiger in der Luft kein Land sehen und auch nicht mit dem Rücken zum Tor agieren können.
Dass man sowohl gegen Australien als auch Paraguay auf die gleiche Art und Weise verlor, teilweise ratlos und verzweifelt wirkte und keine taktische Alternative für eine wirkungsvollere Offensive aufbieten konnte, hängt Montellas Arbeit als Nationaltrainer der Türkei weiterhin nach und sät massive Zweifel an der Qualität des italienischen Übungsleiters, der für viele ungeeignet ist, um die türkische Auswahl über dieses erreichte Niveau hinauszutragen.
Dass man jetzt gegen Frankreich, Italien und Belgien ohne Kapitän Hakan Calhanoglu, Supertalent Kenan Yildiz oder womöglich auch Mittelfeldstar Orkun Kökcü auskommen muss, ist eine denkbar ungünstige Konstellation für Montellas Zukunft, die sich nach dem Abschneiden dieser Vierer-Länderspielreihe entscheiden dürfte.

Montella blieb trotz Rücktrittsforderungen im Amt
Ohnehin hatten viele den Rücktritt Montellas nach der WM gefordert. Wenn man bedenkt, wie es andere Nationen gehandhabt haben, auch wenn sie teils deutlich besser als die Türkei abgeschnitten haben. So traten bis zum WM-Finale allein 16 von 48 Nationaltrainern entweder zurück oder wurden entlassen. Drei weitere folgten kurz nach der Weltmeisterschaft, sodass es am Ende eine ungewöhnlich große Trainerfluktuation mit 19 von 48 Nationalteams betraf, was einer Quote von 39,5 Prozent entspricht.
Nicht aber die Türkei und Montella. Dies könnte sich bei einem ungünstigen Länderspielverlauf in der UEFA Nations League im September und Oktober jedoch ganz schnell ändern.

Die Trainer-Abgänge im Rahmen der WM im Überblick
1. Sabri Lamouchi – Tunesien – während der WM nach dem 1:5 gegen Schweden entlassen/einvernehmlich getrennt. Er war der erste Trainer, der noch während der WM gehen musste.
2. Hong Myung-bo – Südkorea – Rücktritt nach dem Vorrundenaus.
3. Miroslav Koubek – Tschechien – nach dem Vorrundenaus gegangen/einvernehmliche Trennung.
4. Steve Clarke – Schottland – Rücktritt nach dem Vorrundenaus; Ende seiner langen Amtszeit.
5. Marcelo Bielsa – Uruguay – nach dem Vorrundenaus; sein Vertrag endete bzw. er verließ den Posten.
6. Ronald Koeman – Niederlande – Rücktritt nach dem Aus gegen Marokko in der Runde der letzten 32.
7. Sebastian Beccacece – Ecuador – Vertragsende nach dem Aus in der ersten K.-o.-Runde.
8. Julian Nagelsmann – Deutschland – Rücktritt nach dem deutschen WM-Aus.
9. Jamal Sellami – Jordanien – Trennung nach dem Vorrundenaus. Die FIFA bestätigte den Abschied am 5. Juli.
10. Carlos Queiroz – Ghana – Abschied nach dem 0:1 gegen Kolumbien in der Runde der letzten 32.
11. Javier Aguirre – Mexiko – verließ seinen Posten nach dem Achtelfinalaus.
12. Roberto Martinez – Portugal – Rücktritt nach dem Achtelfinalaus.
13. Zlatko Dalic – Kroatien – Rücktritt nach fast neun Jahren; das WM-Aus gegen Portugal war sein letztes Spiel.
14. Pape Thiaw – Senegal – nach der WM-Kampagne ausgeschieden.
15. Sebastien Migne – Haiti – einvernehmliche Trennung nach der WM; Haiti hatte er erstmals seit 1974 wieder zu einer WM geführt.
16. Didier Deschamps – Frankreich – Ende seiner 14-jährigen Amtszeit nach der WM; dieser Abschied war allerdings bereits vor der WM angekündigt und deshalb keine Entlassung wegen des Abschneidens.
17. Rudi Garcia – Belgien – Vertrag nach dem Viertelfinalaus nicht verlängert; die Entscheidung wurde nach dem Turnier einvernehmlich getroffen.
18. Hugo Broos – Südafrika – beendete nach der WM seine Tätigkeit und ging in den Ruhestand.
19. Vladimir Petkovic – Algerien – verließ Algerien nach der WM; sein späterer Abgang brachte die Zahl der WM-Starttrainer, die nicht mehr im Amt waren, Anfang August auf 18.



