Galatasaray

Tobias Linderoth: “Ich lieferte mir einen Krieg mit meinem Körper!”

Er gehört vermutlich zu den größten Pechvögeln der Galatasaray-Geschichte: Als Tobias Linderoth im Sommer 2007 mit großen Erwartungen an den Bosporus wechselte, konnte er eine nahezu verletzungsfreie Karriere vorweisen. Der zu dem Zeitpunkt 28-Jährige fiel für seine Arbeitgeber Kopenhagen und Everton bis dahin nicht länger als eine Woche am Stück aus. Doch in Istanbul wurde der Schwede permanent vom Verletzungspech verfolgt. Er schaffte es in drei Spielzeiten im Dress der „Löwen“ auf mickrige 14 Einsätze und musste seine aktive Laufbahn im Alter von 31 Jahren frühzeitig beenden. Wie es dazu kam und wieso er sich für einen Aufenthalt in der Türkei entschieden hat, erzählte Linderoth im Rahmen eines Interviews mit der schwedischen Presse.

Linderoth über seine erste Ankunft am Istanbuler Flughafen

„Ich befand mich im Flieger und neben mir saß mein Berater Roger Ljung. Wir hatten die Hälfte der Strecke hinter uns. Ich fragte ihn, was mich nach der Landung erwartet. Er lächelte frech und ließ die Frage unbeantwortet. Alles was sich danach ereignete, kann man nicht in Worte fassen. Tausende Menschen, darunter alte Männer mit Bärten, schrien ‚Linderoooth, Linderooth!‘. Sie küssten mich und warfen mich in die Luft. Nicht einmal in der eigenen Familie bekommt man so viel Aufmerksamkeit. Ich hatte bei der Weltmeisterschaft und in der Premier League gespielt. Sowas habe ich vorher aber nirgendwo erlebt.“

… seine Entscheidung zu Galatasaray zu wechseln

„Nach der Weltmeisterschaft 2006 teilte mir mein Berater mit, dass sich Galatasaray für mich interessiert. Mein Berater Ljung war dort bereits als Spieler tätig und wusste, was uns erwarten würde. In der Sommerpause konnte sich Galatasaray mit Kopenhagen nicht einigen. Dann erreichte den Klub im Folgejahr ein verbessertes Angebot und sie ließen mich ziehen. Ich wollte damals einfach ein neues Abenteuer beginnen. Ich hätte in Kopenhagen bleiben können. Jedoch war ich nie jemand, der in seiner Komfortzone glücklich war. Zudem traf ich 2002 mit Schweden im Ali Sami Yen-Stadion auf die türkische Nationalmannschaft und war von der Stimmung fasziniert. Nun war es an der Zeit, diese Atmosphäre hautnah zu erleben.“

… die Millionenmetropole Istanbul

„Als ich in Istanbul das erste Mal gelandet bin, war mein Transfer noch nicht abgeschlossen. Ich wollte mir zuerst die Stadt und den Verein anschauen. Allerdings blieb nicht viel Zeit zum Überlegen. Am Flughafen warteten tausende Fans auf mich und der Vorstand präsentierte mir die Stadt auf eine überzeugende Art und Weise. Galatasaray hat sogar eine eigene Insel. Sommer, gutes Wetter, leckeres Essen. Es war wie ein Traum. Diese Stadt hatte mich in seinen Bann gezogen. Ich konnte das Angebot nicht ablehnen.“


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… seine Aufnahme in der Mannschaft

„Ich wurde sehr gut in die Mannschaft aufgenommen. Spieler wie Hasan Sas und Okan Buruk waren coole und namhafte Fußballer. Ab dem ersten Tag waren sie sehr nett im Umgang mit mir. In anderen Teams muss man sich den Respekt erst erarbeiten. Bei Galatasaray waren alle direkt freundlich.“

… die ersten Wochen in der türkischen Liga

„Wir hatten sechs der ersten sieben Ligaspiele gewonnen. Die Transfers im Sommer schlugen allesamt ein. Insbesondere Lincoln war ein großer Star. Wir waren lauffreudig, er dagegen der kreative Kopf. Für eine gesunde Balance war also gesorgt. Auch ich hatte mir viel vorgenommen und arbeitete hart. Doch dann ging es mit den Verletzungen los. Ich wollte mich beweisen und lief des Öfteren mit Schmerztabletten auf. Nach einer gewissen Zeit hatte dieser Umstand negative Auswirkungen auf meine Leistung. Nach dem ersten UEFA Cup-Spiel gegen Helsingborg klagte ich über starke Schmerzen an der Hüfte. Demzufolge sagte ich der Nationalmannschaft ab und ruhte mich eine Woche aus. Als ich erneut auf dem Platz stand, waren die Schmerzen immer noch da. Ich war wütend. Anschließend flog ich nach Colorado. Dort wurde ich operiert. Ich wollte um jeden Preis bis zum Ende der Saison fit werden und an der Europameisterschaft teilnehmen. Es war ein Rennen gegen die Zeit.“

… die anhaltenden Ausfallperioden

„Auch wenige Monate später wurde es nicht besser. Ich versuchte, die Laufeinheiten wieder aufzunehmen. Allerdings traten andere Probleme auf. Ich hatte verschiedene Infektionen an meinen Beinen und verletzte mich immer wieder aufs Neue. Während Galatasaray auf Titeljagd war, versuchte ich irgendwie zurückzukommen. Es war eine sehr schwierige Zeit. Immerhin war ich beim Meisterschaftsspiel im Stadion und holte mir meine Medaille ab.“

… seinen Fehler, angeschlagen an der EM teilgenommen zu haben

„Danach startete die Europameisterschaft. Ich dachte, dass ich 20-25 Minuten pro Spiel auflaufen könnte. Jedoch entpuppte sich dieser Gedanke als großer Fehler. Ich hätte auf meinen Körper hören müssen. Nach dem Turnier bestritt ich das erste Ligaspiel mit Galatasaray von Beginn an. Anschließend flog ich nach Albanien für ein Länderspiel. In den ersten Minuten trat ich beim Laufen falsch auf und zog mir dieses Mal eine Verletzung am Gelenk zu. Leider konnte ich daraufhin erneut mehrere Monate nicht spielen.“

… seinen Motivationsverlust aufgrund der Verletzungen

„Sobald ich die Verletzung am Gelenk auskuriert hatte, bekam ich Probleme am Meniskus und musste wieder operiert werden. Schlechter hätte es wirklich nicht mehr laufen können. Ich stand förmlich im Krieg mit meinem eigenen Körper. Mit der Zeit habe ich die Motivation und die Lust am Fußball verloren.“

… seinen Abschied aus der Türkei

„Nach den problematischen zwei Spielzeiten bei Galatasaray wollte der Vorstand mit mir sprechen. Aufgrund der Ausländerregelung wollte man mich aus der Spielerliste entfernen und Shabani Nonda hinzufügen. Für mich war das absolut verständlich. Ich räumte meine Sachen und verabschiedete mich vom Verein. Trotz der ganzen Probleme assoziiere ich heute viele positive Gefühle mit dem Land und meinem ehemaligen Arbeitgeber. Galatasaray ist ein wunderbarer Klub und die Türkei ein bewundernswertes Land.“


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Hüseyin Yilmaz

Hüseyin Yilmaz

Wirtschaftswissenschaftler, Freier Sportjournalist, Kosmopolit, Hürriyet Gücer-Fan und Spor Toto Süper Lig-Liebhaber

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