Türkischer Fußball

GazeteFutbol-History: Das fünfte EM-Abenteuer der Türkei

Die Türkei nimmt zum fünften Mal an der Europameisterschaft teil und möchte vor allem an die Endrunden-Erfolge von 2000 und 2008 anknüpfen. Die türkische Elf bestreitet am kommenden Freitag, den 11. Juni, um 21:00 Uhr (MEZ) in Rom das Eröffnungsspiel des Kontinentalturniers gegen Italien. Am 16. Juni trifft die Halbmond-Nation in Baku auf Wales (18:00 Uhr). In der aserbaidschanischen Hauptstadt folgt für die Milli Takim-Auswahl am 20. Juni schließlich auch die letzte Partie in der Gruppe A gegen die Schweiz (18:00 Uhr). Das Team von Trainer Senol Günes hofft auf den Einzug in die nächste Runde und würde gerne bis zum Ende in London dabei bleiben, wo das Halbfinale und Endspiel stattfinden.

1996 – Das Debüt

Es wird die fünfte EM-Endrunde in der 98-jährigen türkischen Fußballgeschichte sein. Die Türkei qualifizierte sich mit sieben Siegen, bei zwei Remis und einer Niederlage hinter Weltmeister Frankreich für die EURO 2020. Die Türkei gab ihr EM-Debüt allerdings 1996 in England. Die Premiere verlief unter der Leitung von Fatih Terim jedoch nicht sonderlich erfolgreich. Nach drei Niederlagen gegen Kroatien (0:1), gegen Portugal (0:1) und gegen Dänemark (0:3) beendete die Türkei das Turnier nach der Vorrunde als Gruppenletzter punkt- und torlos und schied vorzeitig aus.

2000 – Im Aufschwung

Vier Jahre später konnte sich das türkische Nationalteam abermals für die EM qualifizieren. Bei der EURO 2000 in Belgien und den Niederlanden stand Mustafa Denizli als Nationalcoach an der Seitenlinie und führte das Team bis in Viertelfinale. Okan Buruk gelang dabei gegen Italien das erste türkische EM-Tor, dennoch unterlag man am Ende mit 1:2. Im zweiten Gruppenspiel der Vorrunde gab es nur ein 0:0 gegen Schweden. Doch gegen Belgien gelang schließlich auch der erste Sieg bei einer Europameisterschaft, was das Tor zur Runde der besten acht Teams Europas aufstieß. Gegen die Belgier gelang ein vielumjubelter 2:0-Erfolg. Als Gruppenzweiter kam die Türkei somit weiter und traf auf Portugal. Gegen die Kicker von der iberischen Halbinsel war nach einem 0:2 dann leider Schluss.

2008 – Comeback-Könige

Da man 2004 die EM-Qualifikation verpasste, mussten die türkischen Fußball-Fans acht Jahre auf die nächste Teilnahme warten. Doch das Warten sollte sich lohnen, denn die Türkei bat den Zuschauern bei der EURO 2008 neben viel Unterhaltung, enorme Spannung und Nervenkitzel in seinen Spielen. Das Endturnier fand dieses Mal in Österreich und der Schweiz statt. Im ersten Gruppenspiel gab es erstmal eine 0:2-Pleite gegen Portugal zu verdauen. Danach nahm der Zauber seinen Lauf. Nach einer extrem regnerischen ersten Halbzeit und großen Mühen auf dem Spielfeld lag die Türkei bereits mit 0:1 gegen die Schweiz zurück.

Alle beteten, dass der Regen in der zweiten Spielhälfte aufhört und die Mannschaft von Fatih Terim ihr Spiel aufziehen kann. Und die Gebete wurden erhört. Der Regen ließ nach und die Türkei wurde immer stärker. Als einige schon das frühzeitige Vorrunden-Aus befürchteten, glich Semih Sentürk zunächst zum 1:1 aus. Doch mit dem Remis konnten und wollten sich die Türken nicht zufrieden geben. So kam es schließlich dazu, dass Arda Turan in der letzten Minute der Nachspielzeit das 2:1-Siegtor für die Türkei schoss. Spieler und Fans waren nicht mehr zu halten. Nun musste das letzte Gruppenspiel gegen Tschechien über Aus oder Weiterkommen entscheiden.

Doch die Ausgangslage war sehr ungewöhnlich. Ein Remis hätte für beide Teams keine Entscheidung über die Platzierung gebracht, da beide Kontrahenten die gleiche Punkt- sowie Tordifferenz aufwiesen. Demnach hätte es nach 90 Minuten ein Elfmeterschießen geben müssen, um eine finale Entscheidung bei einem Remis herbeizuführen. Aber nach gut einer Stunde hielt dies ohnehin niemand mehr für nötig, denn die Tschechen führten mit 2:0. Aber die Türken gaben sich einmal mehr nicht geschlagen. Erst verkürzte Arda Turan auf 1:2. Dann nutzte Nihat Kahveci einen Fehler von Petr Cech in der 87. Minute zum 2:2-Ausgleich. Und so kam es, wie es kommen musste, Kahveci drehte wenig später die Partie mit dem 3:2-Siegtreffer und löste für die Türkei so nach 2000 erneut das Ticket fürs Viertelfinale.

Dort wartete Kroatien. Nach torlosen 90 Minuten ging es in die Verlängerung. Und was sich dann abspielte, war nichts für schwache Nerven. In der 119. Minute führte ein Fehler von Türkei-Torhüter Rüstü Recber zum Gegentor und dem 0:1. Exakt 60 Sekunden vor dem Abpfiff. Doch auch dieses Mal kam die Türkei zurück und prägte endgültig den Spruch: “Es ist nicht vorbei, bis die Türken sagen, es ist vorbei”. Ein Satz, der sich bis heute in die Mentalität der Türken eingebrannt hat und immer für den Extraschub Motivation nach Rückständen sorgt. Recber schlug einen langen Ball vors gegnerische Tor. Sentürk nahm den Ball, drehte sich, zog ab und der Rest ist Geschichte. Der Ball zappelte im Netz, die Kroaten standen unter Schock, während die Türken außer Rand und Band waren. Es ging also ins Elfmeterschießen und das Momentum war klar auf Seiten der Türken. Die rot-weißen EM-Fighter entschieden das Duell vom Punkt für sich und zogen zum ersten Mal ins Halbfinale der Europameisterschaft ein und stürzten das Land in einen kollektiven Freudentaumel.

Im Semifinale musste man mit zahlreichen Ausfällen gegen Deutschland antreten. Phasenweise hieß es, dass einer der Ersatztorhüter womöglich als Feldspieler auflaufen muss, während der andere wiederum das Tor hüten musste. Denn Stammkeeper Volkan Demirel war genauso gesperrt, wie Tuncay Sanli, Arda Turan sowie Emre Güngör und Emre Asik. Dazu gab es Verletzungen bei Nihat Kahveci, Hakan Balta, Semih Sentürk und Mehmet Topal. Die Türkei war unter den schlechtesten Vorzeichen gezwungen mit einer Notelf anzutreten und alle dachten bereits die DFB-Auswahl habe einfaches Spiel. Doch es kam wie immer anders. Das stark dezimierte türkische Team ging durch Ugur Boral in der 22. Minute in Führung. Aber die Deutschen glichen nur vier Minuten später durch Bastian Schweinsteiger zum 1:1 aus. Als Miroslav Klose in der 79. Minute das 2:1 markierte, schwanden die Hoffnungen. Doch nicht bei den Türken, die es erneut schafften mit dem angeschlagen spielenden Sentürk zum 2:2 auszugleichen. Die Türken zeigten trotz der Ausfälle ihrer Stammspieler eine bärenstarke Partie. Doch dieses Mal wurden sie nicht belohnt, denn während man selbst gute Gelegenheiten nicht nutzen konnte, war es Philipp Lahm, der die Begegnung in der letzten Minute mit dem Treffer zum 3:2 zugunsten der deutschen Elf entschied.

2016 – Die Problem-EM

Abermals vergingen acht Jahre bis zur erneuten Qualifikation für die Europameisterschaft. Doch dieses Mal schrieben die Türken keine positiven Schlagzeilen. Über viel kritisierte Prämien-Forderungen der Spieler, Grüppchenbildung innerhalb der Mannschaft bis hin zu handfesten Skandalen, wie das Würgen eines älteren Journalisten, stand die EM zu keiner Zeit unter einem guten Stern für die Türken. Auch Nationaltrainer Fatih Terim hatte mit einigen Akteuren interne Probleme, die nicht bewältigt werden konnten. Zu allem Überfluss hatte man in der Gruppe D extrem starke Gegner vor der Brust. Gegen Kroatien verlor man zum Auftakt 0:1. Es folgte eine herbe 0:3-Pleite gegen die favorisierten Spanier. Im letzten Gruppenspiel gelang dann zwar durch Tore von Burak Yilmaz und Ozan Tufan ein 2:0-Sieg gegen Tschechien, aber aufgrund der schlechteren Tordifferenz reichte es nicht mehr für die nächste Runde.

2021 – Die Wiedergeburt?

Die Geschichte geht weiter. Die Türkei schlägt das nächste EM-Kapitel auf …


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9 Kommentare

  1. 7. Juni 2021 um 12:05 —

    2008 hatte ich 1200.- Schweizer Franken für zwei Ticks Schweiz gg. Türkei hingeblättert.
    Das war damals 3 Jahre nach dem Skandal Spiel 2005 in Istanbul. Damals als es zur Schlägerei kam nach dem Barrage Spiel Türkei Schweiz.
    Als in der Schweiz lebender Türke hat dieses Spiel extrem vieles verändert. Das Spiel hat Gräben auch im bürgerlichen Leben gerissen. Um es vorweg zu nehmen. Wir Türken haben uns unter aller Sau benommen. Ich hatte mich damals sehr viel damit beschäftigt. Ist nicht so das die Schweizer gar nix zum Konflikt beigetragen haben, aber die Hauptschuld lag schon an uns.

    Der Tag nach dem Skandalspiel war die Hölle. Wie auch die nächsten WOchen und Monate. Mein Chef der selbst Fussball Fan ist sprach irgendwann nach einigen Wochen ein absolutes Fussball Gesprächsverbot im Betrieb aus. Weil er spürte es liegen Schlägereien in der Luft.

    Das Spiel 2008 war also sehr Emotional für mich.
    Eigentlich hatte ich gut 60 Minuten einen Groll geschoben. Für so einen Rotz habe 1200 hingelegt!!! dachte ich mir. Wir waren 1:0 hinten und kamen überhaupt nicht mit dem Wetter und den Platzbedingungen klar. Es hatte die komplette 1 HZ strömend monsunartig geregnet in Basel. Eigentlich ganz typisches Wetter in der Schweiz. Zuviel für den Rasen. Auf dem hatten sich überall kleine Seen gebildet. Die Schweizer hatten schnell auf das einzig mögliche umgestellt, auf kick and rush. Während wir zu dumm dafür alles kurzpass versuchten. Zig male bremste der Ball auf halber Strecke von 100 auf 0 weil der Passweg über einen See führte. Erst als der Regen aufhörte ab der 70 so wurde der Platz bespielbar. Ab dann habe ich die 1200 nicht mehr bereut. Der Moment wo Arda 30 Meter vor meinen Augen das 2:1 macht war unbezahlbar…

  2. 7. Juni 2021 um 8:50 —

    Die EM 2008 war echt unglaublich gewesen. Der Sieg gegen die Schweiz und dann gegen Tschechen. So viel Spannung und Emotionen haben dem gesamten Land nicht gut getan. 😀
    Danach der Sieg gegen die Kroaten, als wir in der 118. Minute eigentlich schon sicher tot waren, aber in der 119. dann auferstehen.
    Auch gegen die Deutschen hätten wir etwas reißen können, hätten wir nicht so viele verletzte und gesperrte Spieler gehabt. Rein qualitativ war der Kader zur damaligen Zeit echt mittelmäßig besetzt, dennoch hatten wir Leader im Team wie Tümer Metin, Tuncay Sanli und Hamit Altintop. Die Spieler haben echt Herz bewiesen und gekämpft, das muss man ihnen lassen.
    Wie gesagt mit bisschen mehr Glück hätten wir die Deutschen besiegen können und wären anschließen im Finale gelandet. Was dann passiert, orasini allah bilir. 😉

    • 7. Juni 2021 um 11:35

      Also wenn du von Leader sprichst, ist allen voran der Kapitän der damaligen Mannschaft zu erwähnen. Nihat Kahveci. Hab noch die Aktion gg Tschechien in Slomo in Erinnerung wie er einen Mitspieler der mit dem Schiri diskutiert kräftig wegschubst. Sabri war das glaub. Der schweizer Komi meinte so: da sieht man das der Mann mit der Binde der grosse Onkel ist.
      Hamit war überhaupt das Herz und die Seele der Mannschaft. Nach dem Tor der Kroaten lagen etwa 7 Mann flach am Boden. Hamit hat die alle hochgepeitscht.

      edit: ich glaub Tümer war gar nicht dabei

    • 7. Juni 2021 um 12:18

      Hamit war schon immer unglaublich gewesen. 3 Vorlagen gegen Tschechien, über die sehr wenige Leute sprechen.
      Genau, Nihat würde ich auch als totalen Leader bezeichnen, der die etwas unerfahrenen Spieler auf dem Platz geleitet hat. Das war eine tolle Mischung aus jung und alt. Gerade ein junger Arda kam bei dieser EM ganz groß raus und wurde direkt mit Bayern in Zusammenhang gebracht.
      Ich hab mal nachgeschaut, Tümer war dabei. Ich glaube sein einziger Einsatz war gegen Deutschland in den letzten Minuten.

      Das war echt ein tolles Turnier gewesen. Wenn man heute noch irgendwo die Spiele sieht, kriegt man immer wieder Gänsehaut.

    • 7. Juni 2021 um 12:40

      Echt Tümer war dabei?
      Das packe ich jetzt auch mal zu Terims Fehlnominationen.
      Wie auch Emre B. Der hatte damals kaum gespielt. War lange verletzt und erst gerade wieder gesund geworden. Ich denke immer noch er wurde nominiert weil er zum damaligen Zeitpunkt der angehende Schwiegersohn von Terim war. In echt. Er war mit seiner Tochter zusammen.
      Emre spielte 1HZ im ersten Spiel gg Portugal. War extrem überfordert. Null Fitness. Danach wurde er für verletzt erklärt. Sah aber beim Jubeln top fit aus 😉

    • 7. Juni 2021 um 13:03

      Ich habe den damaligen Pool nicht ganz im Kopf, aber als ich unseren Kader mal gerade angeschaut habe, musste ich mir echt einen Lacher verkneifen.
      Unsere Abwehr mit Hakan Balta, Servet Cetin, Emre Asik und Ugur Boral sah ja ganz desaströs aus. Gerade weil wir mit Hakan Balta nur einen gelernten LV dabei hatten.
      Mit so einem Kader haben wir es geschafft bis ins Halbfinale zu kommen, wobei wie gesagt der Kampfgeist einfach unnormal war. So gerne Emre Asik ein Holzfußballer ist, ein Kämpfer war er schon immer.

      Auch lustig, bei Wikipedia sieht man noch die Quali-Spiele. Weiß einer wieso ein Hakan Sükür nicht dabei war? In der Quali hat er recht oft getroffen.
      Und gegen Malta ein 2-2? Und gegen Moldau 1-1? 😀

      https://de.wikipedia.org/wiki/Fu%C3%9Fball-Europameisterschaft_2008/T%C3%BCrkei

  3. 6. Juni 2021 um 20:18 —

    Interessanter Artikel, vorallem finde ich es interessant, das Fatih Termin bei der EM 2000 und 2016 erwähnt wird, beide male hatte Türkei keinen Erfolg.

    In der besten EM, 2008, war ebenfalls ein Fatih Terim der Trainer, aber im Artikel verschwindet dieser Name…

    Bei allen restlichen Turnieren wird der Trainer erwähnt.

    Kommt mir ziemlich verdächtig vor, so als ob der Redakteur des Artikels ein Terim Hater ist…

    • 8. Juni 2021 um 10:58

      danke @gazete 🙂 eingebebaut… also bringen Posts doch manchmal das gewünschte Ziel

  4. 6. Juni 2021 um 13:03 —

    Geiles Ding gerade das mit 2008, komme gleich in EM-Laune, wenn ich das lese. 🙂 Das war schon ein krasses Turnier. An das kann ich mich zumindest aktiv erinnern. Krankes Turnier! #2021DarısıBaşımıza

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