Besiktas

GazeteFutbol Exklusiv-Interview mit Arun Mirzada, sportlicher Leiter der Besiktas Footballschool Europa – Teil 2


Zusammen mit Fabian Ernst hat es sich Arun Mirzada als sportlicher Leiter der Besiktas Footballschool mit einem geschulten und erfahrenen Team zur Aufgabe gemacht, aufstrebende Talente frühzeitig zu entdecken und junge Spieler gezielt zu fördern. Dabei greift Arun Mirzada nicht nur auf seinen jahrelangen Erfahrungsschatz zurück, den er sich unter anderem während seiner Stationen beim FC Schalke 04, Alemannia Aachen oder in Köln sowie bei zahllosen Coerver-Seminaren erworben hat. Er und sein Team bedienen sich auch der erfolgreichsten und modernsten Trainingsmethoden sowie fortschrittlichsten Technologien, wie er GazeteFutbol im exklusiven Interview verriet!

TEIL 1 des Exklusiv-Interviews gab es am Mittwoch – Hier geht es zum ersten Interviewpart

Thema Scouting und BJK Akademie in Istanbul. Worauf achtet Ihr bei den Kids besonders, um ein Talent womöglich für Besiktas auszuwählen und in der Türkei zu empfehlen. Sind es nur technische Elemente, die Physis und Kraft, die vielleicht im frühen Alter schon da sind oder andere Faktoren?

Also im heutigen Fußball ist vor allem Schnelligkeit wichtig. Wenn jemand Schnelligkeit hat, der kann eigentlich alles erreichen. Diese technischen Skills, die jemand hat oder nicht hat, die kann man entwickeln. Das ist einfach ein Trainingsbaustein. Einfach mehr trainieren, dann funktioniert das auch. Aber Tempo ist eben entscheidend, gewisse technische Fähigkeiten, wie ist er mental drauf? Kann er überhaupt mit Druck umgehen? Denn umso älter du wirst und höher du spielst, desto mehr Druck kommt dazu. Und was uns auch sehr wichtig ist, ist der soziale Faktor. Wie tickt er überhaupt? Wie geht er mit seinen Mitspielern um, wie geht er mit seinen Gegenspielern um, wie geht er mit seinem Trainer und seinen Eltern um? Das ist natürlich auch ein Riesenbaustein, den wir mit aufnehmen wollen.



Gibt es Vorgaben aus der Türkei? Seid Ihr an Trainingsprogramme der Istanbuler BJK Akademie gebunden oder komplett in Eurer Vorgehensweise eigenständig ausgerichtet?

Wir sind eigentlich eigenständig, wobei wir immer das Know-how von der Besiktas Akademie mitnehmen, in dem Wissen, welche Übungen denen auch wichtig sind. In den Jahrgängen, mit denen wir arbeiten, ist die Technik einfach wichtig. Grundsätzlich ist bei Südländern die Technik das Wichtigste. Und wir haben einfach dieses Know-how über Jahre, über Jahrzehnte mit den besten Technikmethoden weltweit zu arbeiten. Daher passt das auch sehr, sehr gut zusammen. Eine direkte Vorgabe haben wir also nicht, da haben die ein riesiges Vertrauen in uns.

Aber wie gesagt, wir arbeiten mit mehreren Profiklubs zusammen. Ich habe unter anderem mit Schalke und Aachen zusammengearbeitet. Habe auch einige Fortbildungen beim FC Köln oder in ganz Deutschland in den Jugendbereichen bei den Profivereinen gehabt. Weil die einfach dieses Know-how dieser Technik-Methode von uns haben wollten. Es gibt ja keine andere Fußballschule, die, sagen wir mal zu Schalke geht und sagt, hier, wir haben noch einige coole Übungen für Euch. Dann sagen die, das interessiert uns nicht. Wir haben selber gute Trainer. Aber das Technik-Training, was wir anbieten, da wollen sie gerne diese Perspektive von uns, dieses Know-how. Aus diesem Grund können wir durch unsere Erfahrung auch weiterhelfen. Ich bin jeden Tag auf dem Platz und trainiere. Ich glaube kein Bundesliga-Trainer hat mehr Stunden in der Woche als ich. Und das macht dann natürlich auch die Erfahrung aus.



Habt Ihr feste (Spiel-)Systeme, wie das zum Beispiel bei den Jugendabteilungen in Barcelona oder Amsterdam der Fall ist, an denen ihr euch in allen Altersgruppen orientiert und die Kids schon versucht zu schulen? Oder seid ihr zunächst eher bemüht, die Jugendlichen individuell zu fördern.

Hauptsächlich erst einmal individuell. Umso mehr gute Fußballer du in deinem Umfeld und in der Mannschaft hast, umso bessere Systeme kannst du spielen und dich einfach auch taktisch besser ausrichten. Über diese System-Frage haben wir vorhin mit einem Kollegen erst gesprochen. Normalerweise gibt es eigentlich nur dynamische Spielzüge und Taktiken, wenn du dir das spielt anschaust. Dann gibt es eigentlich generell keine 4-4-2-Taktik zum Beispiel. Je nachdem, ob du den Ball hast oder gegen den Ball arbeitest. Das ist immer verschieden. Ich bin eigentlich ein Freund davon, dass man nicht zu viele Abwehrspieler, sondern eher Offensivspieler braucht. Alles muss offensiv sein in meinen Augen. Denn das macht die Attraktivität des Fußballs aus. Was Barcelona über Jahre gespielt hat oder Ajax. Das ist doch cool und macht Spaß. Das will auch jedes Kind sehen. Offensiv nach vorne und Vollgas. Und nicht defensiv hinten drinstehen und warten, dass der Gegner kommt, irgendwann den Ball erobern und ganz schnell nach vorne spielen.

Wenn Du mit Deinem Team aussichtsreiche Kandidaten für ein exklusives Camp in Istanbul ausgemacht habt, erstellt Ihr erst einen Pool, aus dem Ihr später die Talente auswählt, die in die Türkei dürfen? Finden unter den Kandidaten vorher weitere Tryouts statt?

Die erste Idee war, dass wir zunächst in Deutschland Tryouts veranstalten und die Kinder einladen, die uns innerhalb Deutschlands zugesagt haben oder bei denen wir denken, dass sie etwas haben, was andere vielleicht nicht haben. Dass wir diese Kids dann für ein dreitägiges Trainingslager einladen. Dann der Scout von Besiktas dazustößt und seine Spieler aus dem Pool herausholt und wir da natürlich auch zwei, drei Spieler, je nachdem wie viele da sind, raussuchen. Und die fahren dann schließlich nach Istanbul. Und dies wollen wir anschließend entsprechend in den anderen Ländern Europas durchführen.



Haben alle Jugendlichen zwischen 6-14 die gleiche Chance, um sich für ein Camp in Istanbul zu qualifizieren?

Ja klar. Alter ist relativ. Man sieht ja heutzutage auch, dass ein 17-Jähriger in der Bundesliga spielt. Alter ist nahezu unwichtig. Ich habe so viel Einzeltraining, wo ich Sechsjährige oder Zehnjährige habe und manchmal ist der Sechsjährige besser als der Zehnjährige. Auch vom Kopf her. Daher ist es oftmals egal, wie alt du bist. Hauptsache du bist gut.

Ihr ermutigt auch junge Mädchen, die Fußball spielen wollen dazu, sich für die Camps anzumelden. Welches Konzept habt Ihr Euch für die jungen Spielerinnen ausgearbeitet? Trainieren sie mit den Jungs oder wenn genügend Anmeldungen vorhanden sind als Mädchengruppe unter sich?

Ein Traum wäre, wenn wir Camps oder nur Fördertraining mit Mädels durchführen könnten. Es sind halt sehr viele Mädels, die unter sich bleiben wollen. Wir wollen ihnen gerne die Möglichkeit geben. In der Vergangenheit war es leider nie so, dass wir genügend Mädchen zusammen hatten, dass wir sagten, wir machen nur ein Mädelscamp oder Mädelskurse. Erstmal werden sie natürlich mit den Jungs trainieren, was ja auch nicht schlimm ist. Da muss man sich ja auch durchsetzen und das wollen sie ja auch. Sie wollen sich mit den Jungs vergleichen. Was ja auch in Ordnung ist. Aber irgendwann sollten wir dahin kommen, dass wir nur Mädelsgruppen haben. Leider hat Deutschland hier bei den Mädchen und Frauen etwas geschlafen in den letzten Jahren. Viele Länder haben uns hier eingeholt oder sogar überholt. Leider echt schade, man hätte hier in Deutschland viel mehr machen können.



Können sich auch die Mädchen für ein Besiktas Camp in Istanbul qualifizieren und die Vereinskultur des Traditionsklubs hautnah kennenlernen?

Auf jeden Fall. Alle sind gleichwertig, ob Mädels oder Jungs.

Welche Ziele habt Ihr Euch von Trainerseite gesetzt? Welche Reaktionen und Ergebnisse hofft Ihr bei den Jugendlichen hervorzurufen?

Ziel ist es ein Stück Besiktas zu den Kids, also hierher zu holen. Dass sie ein Gefühl dafür kriegen, ah hier, Besiktas ist hier bei mir, in meiner Stadt. Das ist natürlich einer der größten Faktoren. Und den Kindern auch zu zeigen, was man alles erlernen kann ohne Druck. Dass man einfach Fußball spielen und lernen kann ohne dass jemand rumschreit. Dass sie einfach die Möglichkeit haben fünf Tage Fußball zu spielen und zu sagen, ich war beim Besiktas-Camp. Ich hatte solch einen Spaß, aber ich habe auch super viel gelernt. Und das, was ich gelernt habe, versuche ich immer wieder einzusetzen. Dann wäre ich mega glücklich und hätte man Ziel eigentlich erreicht.



Die Kids sind mit sechs bis 14 noch sehr jung und daher formbar. Rätst Du allen Jugendlichen, die fußballbegeistert sind, so eine Möglichkeit in diesem jungen Alter wahrzunehmen und in einem professionellen Trainingscamp teilzunehmen. Was sind die größten Vorteile zum normalen Vereinstraining? 

Auf jeden Fall. Die Kids werden Inhalte vermittelt bekommen, die sie beim normalen Vereinstraining nie mitbekommen könnten. Zum einen, weil man nicht die erfahrenen Trainer hat. Und die Trainer nicht auf die einzelnen Kinder eingehen können, was wir wirklich versuchen. Und die Inhalte sind quasi Inhalte, die auch Profiklubs anbieten. Damit meine ich nicht nur Besiktas. Bei Manchester United hat Ronaldo zum Beispiel mit dieser Methode gearbeitet. Bei Tottenham hat Bale mit dieser Methode trainiert. Arjen Robben in Groningen hat mit dieser Methode gearbeitet.

Dass wir so vielen Kindern wie möglich diese Methode an die Hand geben wollen und ihnen einfach zeigen möchten, ihr könnt so viel. Kein Kind ist schlecht. Es liegt einfach am Training. Ein bisschen Talent ist natürlich gut, man sollte schon etwas geradeaus laufen können. Aber Training ist alles. Und diese positive Einstellung dazu. Man darf nie sagen, man kann etwas nicht. Denn man kann alles, wenn man es will. Wenn man das erreicht, dann ist das super. Egal ob sechs oder 14 Jahre, da kann jedes Kind kommen und sehr viel für sich mitnehmen.

Ich bin auch am überlegen, ob wir für Ältere über 16 Jahren etwas anbieten. In der Vergangenheit habe ich auch mit „Wiederentdeckt“ gearbeitet und Talente über 18 Jahre in Deutschland gesucht. Wir hatten über 5.000 Bewerbungen. Da habe ich unter anderem mit Thomas Häßler, Michael Oenning oder Michael Sternkopf zusammengearbeitet. Wir haben Talente gesucht, die vielleicht Kreisliga spielen und versucht diese in der zweiten oder dritten Liga unterzubringen. Weil wir der Meinung sind, es muss ja bestimmte Gründe haben, warum ein richtig gutes Talent es früher nicht geschafft hat.

Und so etwas wollen wir eventuell auch für Besiktas ausprobieren. Ein Klose hat es auch erst spät geschafft. Oder so ein Vardy. Der hat den Sprung zu Leicester auch erst geschafft, als er deutlich über 20 war. Es ist alles möglich. Man weiß nie.



Wollt Ihr das dann als einzelne Förderprogramme machen? Einzelne Camps, bei denen diese Spieler über 16 oder 18 nochmal gezielt in eine professionelle Richtung gedrillt werden? Oder wie muss man sich das vorstellen? 

Damals bei Wiederendeckt hatten wir eigentlich nur ein Scouting gemacht. Wir haben die Spieler eingeladen. Die haben gespielt, die haben ein wenig Training gehabt und dann haben wir, weil wir so viele Spieler hatten, immer wieder welche ausgesucht. Am Ende hatte wir 25 rausgesucht und mit denen haben wir eine Art Freundschaftsspiel gegen eine Oberliga-Mannschaft durchgeführt, weil wir extrem gute Spieler dabei hatten. Zum Beispiel aus der Jugend-Bundesliga. Wir hatten Oberliga-Spieler, die den Sprung in die dritte oder zwei Liga wollten.

Es waren wirklich viele talentierte Spieler dabei. Auch aus dem Ausland. An einen kann ich mich gut erinnern. Er kam aus Bratislava. War ein überragender Fußballer. Das Problem war wieder diese mentale Geschichte. Wenn man da versucht, die Spieler in die richtige Bahn zu lenken, kann es wirklich sein, dass man plötzlich auf einmal einen Spieler hat, der damals gescheitert ist, aber es jetzt dann geschafft hat. Man darf niemals aufgeben.

Apropos mentale Geschichte. Ich habe gesehen, ihr habt Mentaltrainer und Sozialpädagogen im Team. Bringt ihr diese Komponente in den Camps mit ein? 

Genau. Wir haben Pädagogen, wir haben Mentaltrainer. Im Camp ist das sehr, sehr schwierig, weil du halt oft sehr viele Kindern auf einmal da hast. Natürlich wollen wir den Kids etwas Input geben im Bereich Mentaltraining. Dass sie was mitnehmen können. Quasi als Bonus. Selbstverständlich hast du auch viele Kinder, die damit noch nichts anfangen können. Aber es geht darum, sie in diesem Bereich schon etwas zu sensibilisieren. Dass man immer gute Gedanken haben muss. Mentaltraining ist ja generell auch als one by one aufgebaut. Aber im Fördertraining, dass wir da auch Workshops machen, damit die Kinder mal die Gelegenheit bekommen mit Mentaltrainern zusammenzuarbeiten. Das ist auf jeden Fall geplant.

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Arun vielen Dank, dass Du Dir Zeit für uns genommen hast und für das interessante Interview. GazeteFutbol wünscht Dir und Euch mit dem spannenden Projekt Besiktas Footballschool in Deutschland und Europa viel Erfolg und hofft, dass Ihr viele Talente findet und fördert.

Arun Mirzada: Sportlicher Leiter der Besiktas Footballschool


Das Exklusiv-Interview für GazeteFutbol führte Chefredakteur Anil P. Polat




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