Besiktas

GazeteFutbol Exklusiv-Interview mit Arun Mirzada, dem sportlichen Leiter der Besiktas Footballschool Europa


Zusammen mit Fabian Ernst hat es sich Arun Mirzada als sportlicher Leiter der Besiktas Footballschool mit einem geschulten und erfahrenen Team zur Aufgabe gemacht, aufstrebende Talente frühzeitig zu entdecken und junge Spieler gezielt zu fördern. Dabei greift Arun Mirzada nicht nur auf seinen jahrelangen Erfahrungsschatz zurück, den er sich unter anderem während seiner Stationen beim FC Schalke 04, Alemannia Aachen oder in Köln sowie bei zahllosen Coerver-Seminaren erworben hat. Er und sein Team bedienen sich auch der erfolgreichsten und modernsten Trainingsmethoden sowie fortschrittlichsten Technologien, wie er GazeteFutbol im exklusiven Interview verriet!

Arun, Du warst unter anderem Technik-Trainer beim FC Schalke 04 und Alemannia Aachen. Wie kam es zu Deinem Engagement als sportlicher Leiter bei der Besiktas Footballschool und was hat Dich an dieser Aufgabe gereizt?

Erstmal ist Fußball mein Leben. Dementsprechend war es mir auch wichtig, im Fußballbereich zu bleiben und dort weiterzumachen und da Fabian ein sehr, sehr guter Freund ist, ihn natürlich dabei zu unterstützen. Und was mir dabei ebenfalls sehr wichtig war, mit Besiktas auch einmal neue Wege zu gehen. Einfach auch die türkische Community mitzunehmen. Wir hatten ja schon einmal darüber gesprochen, warum das gerade im türkischen Fußball noch nicht so läuft und warum es nicht mehr so viele gute türkischstämmige Jugendfußballer in Deutschland gibt. Das habe ich natürlich hinterfragt, woran liegt das? Vielleicht werden sie auch nicht mehr so gut betreut. Ich meine das liegt jetzt nicht nur an den türkischen Kickern, genauso ist es auch bei den deutschen Spielern. Dass sie vielleicht dieses individuelle Training gar nicht mehr bekommen. Da wollte ich einfach mal etwas dazugeben und die Spieler so gut wie möglich fördern.



Wie würdest Du das Projekt aus dem sportlichen Blickwinkel heraus beurteilen? Wie schätzt Du die Möglichkeiten ein, junge vielversprechende Talente durch Euer Konzept zu finden und gezielt zu fördern?

Finden wird schwierig, erstmal, weil ich glaube man hat ja immer zunächst die Reaktion, ach wieder eine Fußballschule, die etwas rausbringt. Es gibt ja eine Million Fußballschulen gefühlt. Dass man da die Leute erreicht, wird anfangs schwierig. Aber die, die wir erreichen, werden es ganz schnell sehen, dass man mit neuen Konzepten sehr viel erreichen kann. Was heißt neue Konzepte, ich mache das ja schon seit 15 Jahren quasi Techniktraining nach Coerver. Und ich habe immer wieder gesehen, wenn die Kinder zu mir gekommen sind, die sind auch über Jahre geblieben. Und haben sich auch extrem entwickelt. So, dass ich mittlerweile immer wieder Austausch mit den Kindern oder Jugendlichen habe. Der erste Weg, die Kinder zu erreichen, ist natürlich erst einmal schwierig. Aber wenn sie da sind, dann bleiben sie auch länger. Dann kann man sie auch bestmöglich fördern und dieses Konzept mit ihnen durchführen. Und man sieht, wie gesagt, schon nach kurzer Zeit eine Entwicklung. Wenn Kinder und Eltern in kurzer Zeit eine Entwicklung sehen, sind sie auch überzeugt und gehen ihren Weg dann auch mit uns zusammen.



Ihr werdet deutschland- und später auch europaweit Trainingscamps für Jugendliche zwischen sechs bis 14 Jahren veranstalten. Eine regelrechte Camp-Tournee. Wie meistert Ihr die Strapazen und geht mit diesem erschöpfenden Programm um?

Das Gute ist, ich habe ein Riesennetzwerk an Trainern in Deutschland und Europa, da ich auch hauptberuflich als Coerver-Trainer tätig bin. Daher natürlich auch Kontakt zu vielen anderen Coerver-Trainern habe. Dementsprechend ist das gar nicht so schwer, die wissen, was für ein Konzept ich fahre und ich muss sie nicht mehr so schulen, wie Trainingseinheiten und Methoden sein sollen. Sonst würde das Ewigkeiten dauern, bis sie die Maßstäbe haben, die ich gerne hätte. Daher ist es eigentlich gar nicht so schwer, das durchzukriegen, weil wir eben dieses Riesennetzwerk in dem Bereich haben. Und wir suchen natürlich auch immer neue Trainer, die uns unterstützen. Und vor allem auch die Besiktas-DNA mitbringen, weil das fehlt uns noch etwas, da wir gerade erst angefangen haben. Diese Trainer möchte ich auch gerne einsetzen, denn die leben dafür. Die würden alles dafür tun und sind hochmotiviert. Denen geht es nicht darum Geld zu verdienen, sondern einfach Besiktas etwas zurückgeben als Fan.

Gehen wir etwas näher auf die Camps und Trainingseinheiten ein. Kannst Du uns schildern, wie das Training mit den Kids aufgebaut ist? Sei es das Technik- oder Konditionstraining oder das Spiel mit dem Ball. Was kommt auf die jungen Teilnehmer zu? Wo liegen die Schwerpunkte?

Unser Schwerpunkt ist hauptsächlich das Spiel mit dem Ball. Also das, was ich gerne mit dem Ball machen würde. Wie es damals auf dem Bolzplatz war. Ich wollte damals auch immer den Ball haben. Und darum geht es erst einmal. Das andere, wie die Kondition und Koordination, das kommt dadurch, indem ich die Übungen durchführe. Wie gesagt, in meinen 15 Jahren habe ich irgendwann Coerver kennengelernt und habe gesagt, krass. Ich war auch mal ein guter Jugendspieler. Ich habe bis zur U19 in der höchsten Liga hier in Deutschland gespielt, habe aber noch nie so ein Training vermittelt bekommen. Da war ich so verwundert und habe mir gesagt, das muss ich machen. Da ging es sehr viel um Ballarbeit, d.h. auch viele Ballkontakte. Das sind koordinative Übungen mit dem Ball. Und ich kann den Kindern innerhalb von 60 Sekunden zeigen, dass man 500 Ballkontakte schaffen kann, wenn man will. Und genau das ist dieses Fundament für einen Fußballer, Ballkontakte. Wenn ich viele Ballkontakte habe, fühle ich mich besser und habe dementsprechend auch Selbstvertrauen. Dadurch erlerne ich Bewegungsmuster, die ich dann auch unbewusst im Spiel einsetze ohne das ich darüber nachdenken muss.



Den meisten erkläre ich es auch anhand des Englischunterrichts oder wenn du generell eine neue Sprache erlernst. Du musst ja viel wiederholen, indem zu Vokabeln lernst. Aber komischerweise kannst Du irgendwann die Sprache nach 30 Jahren auch noch. So ist es im Fußball auch. Wenn Du bestimmte Bewegungsmuster erlernst. Die richtigen Bewegungsmuster muss man dazu sagen. Hast du sie so weit in deinem Kopf drin, dass du die einfach irgendwann unbewusst rausholst und einfach ohne nachzudenken machst. Das hilft dir enorm weiter. Wenn du dieses Fundament hinbekommen hast, diese individuelle Förderung, dann kommt der Rest von allein.

Und der zweite wichtige Faktor bei uns ist das Eins gegen Eins. Ich will den Kids und Jugendlichen in wenigen Schritten zeigen, wie man Tricks erlernt. Step by step, wie funktioniert zum Beispiel ein Übersteiger oder ein Rivelino. Das sind wichtige Sachen, damit die Kinder auch mal den Mut haben, Eins gegen Eins zu gehen, ohne dass man Angst hat, den Ball zu verlieren. Das sind die Grundprinzipien, die wir den Kindern mitgeben möchten.



Also quasi der entgegengesetzte Trend, den man heute leider im Fußball, außer bei den großen Stars, zu sehen bekommt. Sprich, dass die Spieler den Ball eher nach hinten spielen oder zur Seite schieben und gar nicht versuchen, einen Gegenspieler aussteigen zu lassen, um daraus ein Überzahlspiel zu kreieren?

Genau. Heutzutage oder generell spielen viele defensiv. Und du musst einfach herausfinden, wie kann man dieses Defensivbollwerk auseinanderbrechen. Diese Philosophie, die wir haben, wurde bei Ajax in der Akademie durchgeführt und wird immer noch durchgeführt. Dann wurde es ja von Johann Cruyff nach Barcelona getragen. Und dann von Pep Guardiola ja auch nach Bayern geholt und ebenfalls weitervermittelt. Kurz: Der Fußball, den Guardiola überall spielt und damit erfolgreich ist. Hat ja auch einen Grund, warum er damit so erfolgreich ist. Egal wo er ist, er wird mit 20 Punkten Vorsprung Meister.

In der Champions League hast Du oft nur ein, zwei Spiele, da können Kleinigkeiten entscheiden. Da kannst Du defensiv hinten drin stehen, wie Mourinho und hast Glück, bekommst einen Elfer, machst ihn rein und gewinnst 1:0. Aber hauptsächlich geht es ja darum, den Ball zu haben und die Situation zu finden, wo man stets im unteren, letzten Drittel immer Eins gegen Eins gehen muss, um die Überzahlsituation zu schaffen. In Deutschland spricht ja auch jeder davon, dass wir zu wenige Eins gegen Eins-Spieler haben. Ja kein Wunder, die dürfen es ja auch nie durchführen. Im Jugend- oder schon im Kindesalter, jeder meckert rum, wenn man mal den Ball verliert.

Da denke ich auch, wie sollen sie sich denn entwickeln, wenn der Trainer dann rumschreit und immer ergebnisorientiert denkt. Das funktioniert nicht. Lass sie einfach spielen. Bestes Beispiel Emre Mor. Ich finde den so überragend. Natürlich übertreibt er manchmal. Aber das ist einer der geilsten türkischen Fußballer in meinen Augen. Da sind aber auch ein paar Kopfprobleme, wenn die nicht wären, dann wäre der genauso weit wie Mbappe zum Beispiel. Da sind es auch wieder nur Kleinigkeiten. Aber das sind leider wieder diese mentalen Probleme.



Ihr legt besonderen Wert auf moderne Erkenntnisse und Innovationen im Training und bei der Ausbildung der Kids. Kannst Du uns ein wenig beschreiben, was wir uns darunter vorstellen können? Arbeitet Ihr mit bestimmten Software-Programmen bzw. Datenbanken?

Fabian und ich haben mit weiteren Gesellschaftern noch eine Firma, mit der wir quasi den Smartball rausbringen werden. Da sind wir aktuell in den letzten Zügen und hoffen, dass wir Anfang des Jahres den Ball herausbringen. Der Ball kann unter anderem deine Kontakte zählen. Und das ist im Technikbereich ja eine enorme Hilfe. So können wir den Kindern auch mal wissenschaftliche Werte geben und sagen, schau, so viele Ballkontakte hast du diese Woche geschafft. Und das macht dich einfach besser. Wenn du immer wieder mehr Kontakte als andere hast, wirst du automatisch besser. Dass man auch diese Eigenmotivation bei den Kindern fördert und sagt, ihr müsst immer mehr Ballkontakte haben. Das sind ja auch Challenges, die du mit deiner Familie oder deinen Freunden durchführen kannst. Das macht dich auch wieder besser.

Das ist zum einen dieser Smartball. Der kann zum Beispiel auch die Passgeschwindigkeit, wie schnell oder hart du geschossen hast, messen. Das sind Bonusaktionen für die Kinder, dass sie rausgehen, spielen und auch Werte bekommen. Heutzutage misst man ja so ziemlich alles im Fußball. Wie viel du gelaufen bist und so weiter. Aber wir sind noch einmal einen Schritt weitergegangen und haben versucht, etwas anderes zu entwickeln.

Wie läuft im Idealfall die Entscheidungsfindung ab. Wie reagiert man bei absoluten Härtefällen?

Das ist ja manchmal eher subjektiv. Manche Kids sind aufgeregt und bringen nicht die erhoffte Leistung. Aber du fühlst, dass er oder sie deutlich mehr können. Es ist natürlich auch immer diese mentale Geschichte bei den Jugendlichen. Teilweise sind sie auch so durcheinander. Sie empfinden großen Druck, weil sie einfach mehr Leistung bringen müssen, auch schulische. Ich sehe es ja auch hier bei uns im Verein bei FIA Hannover. Es sind nicht mehr bei allen die Eltern so oft wie früher zuhause oder haben die Zeit, um zu helfen. Zu meiner Zeit war vielleicht noch die Mama zuhause und Papa nur arbeiten. Dass jemand da war, wenn man nach Hause kam.

Heute sind die Kids meist bis um drei oder vier in der Schule und haben da Druck, weil die Lehrer etwas erwarten. Es gibt so viel Stoff, den man machen muss, den es bei uns so nicht gab und trotzdem ist was aus uns geworden. Die Zeitspanne zwischen Schule und Training ist enorm kurz geworden. Dementsprechend kommst du da gar nicht runter und hast schon wieder Druck. Manchmal sind sie mental so kaputt, dass du gar nichts direkt sagen kannst, aber so ein Gefühl hast, der braucht noch etwas. Wir sind jedoch ohnehin eher der Meinung, wir nehmen lieber ein paar mehr mit, als einen zuhause zu lassen, bei dem wir uns unsicher sind. Wenn wir ein bisschen merken, der hat was drauf, dann kommt er natürlich mit. Wir wollen den Kids damit auch etwas zusätzliche Motivation geben. Dass sie denken, ok, heute war ich nicht so gut, komme aber trotzdem mit. Damit sie sich denken, super, dann gebe ich nächstes Mal noch mehr Gas.

Wenn Ihr noch mehr über die Besiktas Footballschool erfahren wollt, verpasst auf gar keinen Fall TEIL 2 des Exklusiv-Interviews mit ARUN MIRZADA am Donnerstag und das exklusive Interview mit Ex-Besiktas-Spieler und dem Leiter der Besiktas Footballschool, FABIAN ERNST, am Freitag.

Arun Mirzada: Sportlicher Leiter der Besiktas Footballschool


Das Exklusiv-Interview für GazeteFutbol führte Chefredakteur Anil P. Polat


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