Galatasaray

Kolumne: “Tickende Zeitbombe” – Das Dilemma um Younes Belhanda

Über keinen anderen Spieler wurde beim türkischen Rekordmeister in den letzten zweieinhalb Jahren mehr diskutiert als über den marokkanischen Nationalspieler Younes Belhanda. Aussagen wie „Seine Körpersprache lässt zu wünschen übrig“, „Er trifft für einen Zehner viel zu wenig“, „Er ist eine tickende Zeitbombe“, begleiten den Mittelfeldspieler allerdings nicht erst seit seinem Engagement bei Galatasaray. Ist die Kritik an Belhanda überzogen oder vielleicht sogar noch zu harmlos? Eine Kolumne von Ümit Yücel.


Die Trikotnummer „10“

Alles fing damit an, dass Younes Belhanda bei seiner Ankunft in Florya die Nummer „10“ von Wesley Sneijder bekam. In den Medien wurden Gerüchte gestreut, nach denen Belhanda diese Rückennummer unbedingt eingefordert haben soll. Das stimmt so allerdings nicht. Denn der damalige Trainer Igor Tudor hatte dem Vorstand mitgeteilt, nicht mehr mit Wesley Sneijder zusammenarbeiten zu wollen. So kam der Marokkaner an die begehrte „10“. In den Medien wurde dies jedoch als Intrige gegenüber Fanliebling Wesley Sneijder dargestellt. Das hat bis heute noch negative Auswirkungen auf den Ruf Belhandas, der somit seit seiner Ankunft schon einen schweren Stand bei den Fans hatte.

Der Spielstil von Belhanda

Wer die Nummer „10“ bei einem Verein wie Galatasaray trägt, muss auch treffen und dem Spiel seinen Stempel aufdrücken. So zumindest ist die Erwartungshaltung der Öffentlichkeit. Genauso wie es sein Vorgänger Wesley Sneijder getan hatte. Aber auf welcher Position spielt Belhanda eigentlich? Spielt er, wie ein klassischer Zehner es tun würde, hinter den Spitzen und hält sich über weite Strecken der Partie im letzten Drittel des Feldes auf? Die Antwort darauf lautet ganz klar „nein“, denn Belhanda spielt in einem Dreier-Mittelfeld die halbrechte Position und fungiert als Box-to-Box-Spieler. Sein Partner neben ihm übernimmt die halblinke Position (Jean Michael Seri/Mario Lemina), Steven Nzonzi spielt dabei den zentralen und tiefstehenden Sechser. Was ist ein Box-to-Box-Spieler und welche Aufgaben hat er? Dieser ist im Optimalfall ein laufstarker und physisch präsenter Spieler. Seine Hauptaufgabe besteht darin zwischen den beiden Sechzehnern aktiv zu sein. Heißt: Sowohl in der Offensive Akzente setzen als auch in der Defensive präsent sein. Des Weiteren sind diese Spieler im zweiten Drittel des Feldes für das Angehen des gegnerischen Mittelfeldes zuständig (auch frühes Pressing genannt). In dieser Saison hat das Mittelfeld von Galatasaray viele Probleme diese Aufgabe zu bewältigen. Die komplette Last liegt hier auf den Schultern von Younes Belhanda, da weder Seri noch Mario Lemina fit genug sind, um dieses laufintensive Spiel zu meistern. Letzte Saison hatte Fatih Terim mit Badou Ndiaye einen der laufstärksten Spieler der Süper Lig in seinen Reihen. Belhanda und Ndiaye konnten sich gut ergänzen, daher hatte man letzte Saison DAS Team, welches den Ball vom Gegner laut Statistiken am schnellsten zurückerobern konnte. Hier ist die Performance von Spielern wie Seri, Lemina oder Selcuk Inan genauso wichtig wie die eines Belhandas. Denn nur im Gleichgewicht funktioniert ein auf Ballbesitz und Balleroberung basiertes 4-3-3 System. Das ein Box-to-Box-Spieler keine acht bis zehn Tore erzielen kann, darf ihm nicht zur Last gelegt werden, denn alle anderen wichtigen Aufgaben erfüllt Belhanda zur Zufriedenheit Terims, so zumindest der „Imperator“ in seinen Statements.

Die Reaktionen Belhandas den Fans gegenüber

Es ist mir ein Rätsel, wieso in dieser frühen Phase der Saison einer oder mehrere Spieler der „Löwen“ gnadenlos ausgepfiffen werden. Man steht in der Liga auf dem sechsten Platz, mit vier Punkten Rückstand auf Spitzenreiter Alanyaspor. In der Champions League hat man nach der Niederlage gegen Real Madrid kaum noch Chancen auf das Achtelfinale. Gemäß den Ansprüchen und der Kaderqualität ist das natürlich zu wenig, dennoch rechtfertigt es nicht das Verhalten des eigenen Anhangs. Aber auch Belhanda ist nicht ganz unschuldig. Ein Profifußballer muss auf die negativen Reaktionen der Fans gewappnet sein. Ob die Kritik berechtigt ist oder nicht, Fußballer sollten und müssen in solchen Situationen anders reagieren.

Dabei erinnern wir uns gerne an Vereinslegende Gheorghe Hagi. Der Rumäne senkte seinen Kopf und entschuldigte sich bei einem kleinen Teil der Fans, die ihn nach einem schwachen Spiel ausgebuht hatten. Sowas zeugt von Respekt den Fans und dem Verein gegenüber. Es liegt aber auch am südländischen Temperament der Spieler. In Fußball-Europa sind die Kicker zumeist toleranter gegenüber den negativen Reaktionen der Fans (z.B. Gareth Bale von Real Madrid). Diese nicht endende Problematik hat die Türkei bisher nicht in den Griff bekommen. Die Erwartungshaltung der türkischen Fans ist immens hoch, beruht aber nicht auf Gegenseitigkeit. Die wenigsten Zuschauer besuchen regelmäßig die Heimspiele ihrer Teams. Und wenn sie dann mal kommen, sind sie zu oft mit Social Media-Posts beschäftigt. Von den Fankurven kommt selten etwas, meistens immer von den West- und Osttribünen. Ein Problem, das sich nur schwer in den Griff kriegen lässt, denn die Natur eines Menschen kann man nur schwer verändern.

Die Formschwäche Belhandas  – wie lange schaut Terim noch zu?

Abschließend möchte ich auch auf die momentane Formschwäche Belhandas eingehen. Vor allem nach seinem Kieferbruch zeigt die Formkurve vom 29-jährigen Mittelfeldspieler klar nach unten. Einfache Pässe kommen nicht an den Mann und auch seine Zweikampstärke im Mittelfeld lässt zu wünschen übrig. Im Moment ist einfach der Wurm drin. Bis auf Steven Nzonzi kann kein anderer Spieler im Mittelfeld des Rekordmeisters konstant ein gewisses Niveau bieten. Bei einem „Schlüsselspieler“ wie Belhanda (O-Ton Terim) fällt das natürlich noch viel extremer auf als bei vielen anderen Spielern. Belhanda wird gegen Besiktas möglichweise eine letzte Chance bekommen wieder zur alten Form zurückzufinden. Sollte seine Schwächephase weiterhin anhalten, so könnte er in den nächsten Wochen zum Bankdrücker, schlimmer noch, sogar zum Tribünenhocker werden.

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7 Kommentare

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    28. Oktober 2019 um 11:58 —

    Für mich wird Belhanda immer der Sündenbock bleiben, ganz egal ob er gute Leistungen zeigt oder schlechte.
    Bei guten Leistungen schweigen die Fans, bei schlechten gibt es sofort Kritik. Als Belhanda in der Rückrunde der letzten Saison wohl seine Beste Form bei uns hatte, wurde er wieder einmal sofort in den Himmel gelobt. Gleiches gilt auch für Feghouli.
    Die Beziehung GS und Belhanda wird wohl nie funktionieren, genau eben wegen den Fans. Sie verstehen nicht, dass er kein 10er bzw. Spielmacher wie Sneijder ist. Ein Younes rennt im Mittelfeld und schnappt sich gerne die Bälle und spielt seine Pässe. Ein Sneijder wartet eher auf die Bälle, spielt gerne seine Traumpässe oder schießt den Ball selber ins Tor.

    So lange das die Fans nicht verstehen wird er auch nie geliebt. Ich bin eher jemand der auf die Form des Spielers achtet und nicht auf seine Karriere. Und aktuell ist Belhanda in einer miserablen Form und muss sich definitiv steigern. Ich bin auf die Fans im Heimspiel gespannt wie sie das Team aufnehmen werden, nach der gestrigen Derbyniederlage.

    Was die Beleidigung nach dem Madrid-Spiel an geht: Als Profi wird man eben von den eigenen Fans auch ausgepfiffen, wenn man keine Leistung zeigt. Das ist etwas kein normales. Als Vollprofi muss man damit umgehen können. Selbst ein Hagi wurde bei uns als Spieler ausgepfiffen und konnte nicht hoch zu den Fans gucken.
    Die Entschuldigung von Belhanda via Instagram war für mich keine richtige Entschuldigung. Ich kann auch dem Dolmetscher das Handy in die Hand drücken und sagen schreib mal paar nette Worte und Ende. Hier hab ich eher eine Pressekonferenz erwartet wo er sich mit eigenen Worten bei den Fans entschuldigt.

    Im Winter erwarte ich einen Umbruch bei uns, der Kader ist mMn satt was Erfolge an geht. Belhanda und Mariano werden wohl bei guten Angeboten direkt gehen müssen. Mariano’s Vertrag läuft im Sommer sowieso aus und wird uns für Kleingeld nach Brasilien verlassen. An Belhanda waren immer schon die Araber hinterher und werden es auch im Winter sein.

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    25. Oktober 2019 um 15:36 —

    hier habt recht… das wird aber niemals bei uns türken funktionieren… denn dafür braucht man geduld, was 99 prozent der türken nciht haben… man will sofort erfolg haben… wenn das nicht passiert, bist du weg… so einfach… warum werden denn sonst die trainer in der türkei durchgereicht wie prostituierte auf der reeperbahn???

  3. Avatar
    25. Oktober 2019 um 6:44 —

    sehe ich anders.. ich fand ihn noch nie gut…

    1. für einen ordentlichen pass, muss man 20-30 fehlpässe ertragen… er verliert schon immer so dämlich den ball

    2. er hat einen sch… charakter… er sucht immer streit und provoziert…

    3. hat er sein team schon so oft im stich gelassen… mit seinen unnötigen roten karten bei wichtigen spielen etc…

    deshalb ist belhanda für mich kein spieler für einen großen verein… und am dienstag hat er bewiesen, wie er drauf ist. wofür ich überaus dankbar bin. er soll endlich abhauen…

    und das sage ich jetzt nicht seit ein paar wochen.. schon seit jahren… deshalb wurde ich hier auch schon so oft angemacht…

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      25. Oktober 2019 um 7:48

      Natürlich ist Belhanda kein Spieler für einen großen Verein. Wo hat er sich in den europäischen Ligen richtig durchgesetzt? Nirgendswo! Bei Schalke war er grottig und wurde abgeschoben.

      Man wird Belhanda auch nicht mehr los. Er wird nicht auf Gehalt verzichten wollen.

      Aber die Frage die wir uns überhaupt erstmal selber stellen müssen : Sind wir ein großer Verein?? Die aktuellen Auftritte von GS sehen wir. FB und BJK erst 1x in der Vereinshistorie die CL Gruppenphase überstanden! Und die Vereine sind mindestens 110 Jahre alt!

      Fazit : Wir haben keine großen Vereine in der Türkei und kriegen keine großen ausländischen Spieler. Wenn wir unsere eigene Jugend nicht fördern, werden noch viele viele Belhandas kommen.

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      25. Oktober 2019 um 8:15

      @fair_play Um auf deine Frage zu antworten: Wir haben keine großen Vereine.

      Im Allgemeinen neigen wir dazu, unsere Teams und die Liga zu überschätzen. Jedes Jahr werden wir mit der Realität konfrontiert, aber trotzdem reden wir die Aufstiegschancen bzw. Siegeschancen in Europa immer wieder schön.

      Dabei ist es egal, ob wir über Real Madrid, Bratislava, Molde oder Östersunds sprechen. Es gibt keinen einzigen Gegner in den derzeitigen europäischen Wettbewerben, bei dem ich mit Sicherheit sagen würde, dass unsere Teams locker gewinnen würden.

      Die gesamte Denkweise im türkischen Fußball muss sich ändern. Was erwarten wir von Trainern, Spielern oder Funktionären, die in ihrer kleinen Welt leben, in der sie sich als erfolgreich ansehen?

      Im Prinzip interessiert es ja niemanden, ob unsere Liga konkurrenzfähig ist. Wir scheinen zufrieden damit zu sein, uns gegenseitig zu ärgern, anzuschwärzen und uns mit überteuerten Altstars für 1-2 Jahre cool zu fühlen.

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      25. Oktober 2019 um 8:29

      hsalman93,

      Du hast vollkommen recht! Die Denkweise muss sich ändern!

      Wenn Ende der Saison GS “Fener Aglama” singen kann, sind sie zufrieden. Wenn Ende der Saison FB “6 Finger” zeigen kann, sind sie zufrieden.

      Alles andere interessiert sie nicht, weil der dämliche Fan sein Geld immer und immer wieder den Vereinsfunktionären in den Rachen schieben wird.

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    24. Oktober 2019 um 23:42 —

    Das Bild im GF Artikel ist zwar verpixelt, aber es suggeriert mir insgeheim, als ob Belhanda dem eigenen Anhang den Mittel bzw. Stinkefinger ausstreckt und so eine Geste geht absolut nicht.

    Natürlich ist das was Belhanda sich von der GS Tribüne anhören muss auch nicht besonders nett, aber dennoch muss er als “Profifussballer” etwas souveräner damit umgehen.

    Als türkischer Spieler hat man es um einiges härter, da man alle Schimpfwörter voll verstehen kann, ausländische Spieler haben es hier viel viel leichter, die verstehen doch eh kein türkisch oder?

    Wenn du dem eigenen Anhang den Mittelfinger zeigst, dann hast du sowieso verschissen, ich glaube nicht, das man das Verhältnis hier noch kitten kann. Vielleicht wäre es für alle Beteiligten das Beste zur Winterpause oder zumindest am Saisonende getrennte Wege zu gehen?

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