Besiktas

Derby-Analyse: Besiktas-Coach Avci erinnert sich an sein Erfolgsrezept

Vielleicht erinnert sich der ein oder andere noch an den Sieg von Besiktas über Tabellenführer Aytemiz Alanyaspor. Die Schwarz-Weißen waren statistisch gesehen im Sparmodus unterwegs und hatten die wenigsten Passversuche (423) und die wenigsten Pässe (321), erzielten die niedrigste Passquote (76 Prozent) sowie die niedrigste Ballbesitzquote (50,8 Prozent). Das konnte der 15-malige Meister im Derby hinsichtlich der Pass- (72,4 Prozent) und der Ballbesitzquote (41,9 Prozent) sogar noch unterbieten. Bedeutet das, dass Coach Abdullah Avci nicht mehr mit aller Macht auf sein System beharrt und versucht das beste aus der Situation zu machen? Oder hat sich der 56-jährige Übungsleiter an seine eigen kreierten Taktiken erinnert, die er bei Medipol Basaksehir noch erfolgreich anwandte? Lassen wir die Begegnungen von Avci als Basaksehir-Coach gegen Senol Günes’ Besiktas kurz Revue passieren. Der jetzige Nationaltrainer biss sich gegen seinen neun Jahre jüngeren Kontrahenten immer wieder die Zähne aus. Fazit: Für den erfahrenen 67-jährigen Trainer sprangen im Zeitraum von 2015 bis 2019 nur zwei Siege gegen den Istanbuler Rivalen heraus (drei Remis und drei Niederlagen). Doch wie hatte Avci das damals angestellt? GazeteFutbol-Redakteur Cihad Kökten geht der Sache auf den Grund.

Eine Veränderung bei Karius beginnend

In dem Moment, als Loris Karius in der 25. Sekunde der Begegnung einen langen Ball Richtung Umut Nayir schlug, wusste man eigentlich sofort was für ein Fußballverständnis Besiktas im Derby gegen die “Löwen” an den Tag legen wird. Noch vor einem Monat hätte die Liverpool-Leihgabe niemals solch einen Versuch gewagt, sondern hätte einen Kurzpass zu seinen Abwehrspielern in seiner unmittelbaren Nähe gespielt. Galatasaray hätte diese Spielweise sicherlich bevorzugt, so wie die Schwarz-Weißen es in den letzten Wochen und Monaten eigentlich immer gespielt hatten und am Ende damit zumeist scheiterten. Aber Avci schien aus den vielen Niederlagen seine Lehren gezogen zu haben und hatte die Anforderungen an seine Spieler etwas runtergeschraubt. Das konnte man bereits in der UEFA Europa League gegen die Wolverhampton Wanderers beobachten. Von da an war es nichts neues mehr, wenn der hinterste Mann einen langen weiten Ball in Richtung des ganz vorne agierenden Akteurs schlug.

Untypisch für Avci: So wenig Ballbesitz wie möglich

Um den Ball, der von Karius kam, bearbeiten zu können, nutzte Nayir seinen Rücken und lehnte ihn an Steven Nzonzi. Danach holte er die Kugel mit der Brust runter und spielte ihn direkt weiter zu Abdoulay Diaby. Nur ein paar Sekunden später war dann mit dem herangeeilten Gökhan Gönül und dem am Mittelfeldkreis stehenden Mohamed Elneny das erste Dreieck des Spiels gebildet. Im Anschluss spielte Diaby einen klugen Pass in den Rücken der Abwehr und schon kamen die Schwarz-Weißen zu ihrer ersten Chance mit Stürmer Nayir. Die erste Annäherung zu einem Treffer und das in den ersten 38 Sekunden der Begegnung. Der Plan war somit klar. Besiktas würde ähnliche Chancen kreieren, um ein Tor zu erzielen. Man bestand nicht mehr darauf, dass man minutenlang den Ball in den eigenen Reihen hin und her passt und dann zu einem Torabschluss kommt. Avci hatte verstanden, dass mit dieser Spielergruppe seine ideale Taktik-Vorstellung vorerst nicht möglich ist. Hinzu kommt, dass er mit Verletzungen zu kämpfen hatte und ihm bewusst wurde, dass er mit diesen Spielern nur erfolgreich werden kann, wenn diese so wenig wie möglich am Ball sind.

Besiktas nimmt Real Madrid als Vorbild

Des Weiteren darf man nicht außer Acht lassen, dass man einer Mannschaft gegenüberstand, dessen Spieler fast alle einst erfolgreich in den Top-Ligen Europas spielten. Aber das reicht nicht aus, denn man hatte gesehen, dass diese Spielertruppe ähnlich wie die “Schwarzen Adler” ein Formations- und Organisationsproblem hatten. Sie wussten genauso wenig, trotz ihrer Qualitäten, was sie mit der Kugel anfangen sollten. Dementsprechend musste Besiktas, auch wenn sie zuhause spielten, den Ball den Schützlingen von Fatih Terim überlassen, um siegen zu können. Und das war keineswegs etwas wofür man sich schämen muss. Nur fünf Tage vor dem Derby hatte es Real Madrid genauso gehandhabt und Galatasaray zu 55,5 Prozent Ballbesitz kommen lassen. In den ersten 15 Minuten war es dann ebenfalls so. Galatasaray spielte mit einer Ballbesitzquote von 56,1 Prozent, aber das Spiel spielte sich zu 31 Prozent in der Spielhälfte der Gäste ab und nur zu 9,1 Prozent in der Hälfte der Heimmannschaft.

Wie spielte Avci gegen Besiktas?

Als Avci bei Basaksehir als Trainer fungierte, hatte er sich ein ähnliches System zu Nutze gemacht. Insbesondere Coach Günes, der über den Ballbesitz zum Erfolg kam, brachte der einstige Nationaltrainer der Türkei zum Verzweifeln, wie am Anfang schon erwähnt. Doch wie stellte er das an? Man überließ, wie gewohnt, den Ball Besiktas und übte eine Art Gegenpressing aus, wie es Jürgen Klopp gerne aufzeigt. Dabei handelte der Taktikfuchs aber sehr klug. Bei Besiktas spielten zu der Zeit Marcelo Guedes und Dusko Tosic im Abwehrverbund. Das Spiel startete also beim Brasilianer und Tosic diente nur als Hilfestellung. Avci setzte mit seinen Offensivakteuren nur Marcelo unter Druck, so dass lediglich Tosic das Spiel nach vorne beginnen konnte. Da Tosic gerne für Fehler im Aufbauspiel bekannt war, gewannen Edin Visca & Co. viel früher den Ball und konnten dadurch Torchancen kreieren.

Avci erinnert sich an Erfolgsrezept

Im Derby am Sonntagabend waren die Rollen vertauscht. Diesmal überließ Besiktas seinem Gegner den Ball und presste im Gegenzug ganz vorne. Galatasaray versuchte hingegen das Spiel von hinten aufzubauen. Aber der Gedanke von Avci war wieder derselbe. Sein Ziel war es diesmal mit Marcao einen weiteren Brasilianer durch Pressing unter Druck zu setzen, da er üblicherweise die Rolle des Marcelo beim Rekordmeister einnimmt. Avci wollte, dass Christian Luyindama das Spiel aufbaut, der viel mehr Ähnlichkeiten bzw. Schwächen zu Tosic hegt als Marcao. Weltmeister Nzonzi, der dafür bekannt ist sich nach hinten fallen zu lassen, um den Spielaufbau mitzugestalten, stand unter der Manndeckung von Diaby. Dieses Vorhaben wäre Avci mit Adem Ljajic von Beginn an wohl nicht geglückt. Aufgrund dieses Drucks, den der kongolesische Innenverteidiger spürte, war er nach Ryan Babel der Spieler mit den meisten Ballverlusten (18). Und nach Fernando Muslera und Sofiane Feghouli, der Spieler mit der niedrigsten Passquote (73,8 Prozent). Das führte dazu, dass Galatasaray trotz des Willens den Ball zu besitzen, die Kugel ungewollt nach vorne drosch. Das Problem hierbei war, dass den Großteil der zweiten Bälle die Heimelf für sich gewann.

Angreifer Nayir wie Llorente unter Pochettino

Während die Vorderreihe von Galatasaray gegen die gut und eng stehende Verteidigung von Besiktas nicht klar zu kommen wusste, sorgte Umut Nayir bei den Hausherren, die seit Saisonbeginn mit einem großen Stürmerproblem zu kämpfen haben, für den Unterschied. Der 26-jährige Angreifer übte ohne Ball Druck auf die Gegenspieler aus, formierte sich bei langen Bällen aus seiner Abwehr heraus zu einer regelrechten Mauer und war nahezu bei allen Torchancen und Offensivaktionen seiner Mannschaft beteiligt. Mauricio Pochettino hatte vergangene Saison in Abwesenheit von Harry Kane seinen spanischen Stürmer Fernando Llorente ähnlich zur Geltung gebracht. So könnte es auch Avci mit Nayir versuchen während der Verletzung des eigentlichen Goalgetters Burak Yilmaz. Vielleicht könnte sich dadurch eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten ergeben. Natürlich hätte der aus Kayseri stammende Stürmer in seinen Aktionen viel schneller und fokussierter agieren können. Aber letztendlich belohnte er seine Diagonalläufe, die er immer wieder probiert hatte, mit dem Siegtreffer. Natürlich darf man hier die tolle Flanke von Caner Erkin nicht vergessen. Nayir sagte nach der Partie: „Caner [Erkin] kam fünf Minuten vor dem Treffer zu mir und sagte, dass er den Ball an den kurzen Pfosten schlagen wird. Gleich beim ersten Versuch hat es dann zum Glück auch geklappt.“

Erkin ab sofort nur noch linker Flügel?

Im letzten Spiel gegen den SC Braga wurde Erkin noch von den eigenen Fans ausgepfiffen, aber der frühere Nationalspieler entwickelt sich immer mehr zur größten Angriffswaffe der “Schwarzen Adler”. Mit seiner Hereingabe zum Derby-Sieg gelang ihm der fünfte Assist in der laufenden Spielzeit. In der vergangenen Saison waren es nach 39 Einsätzen nur vier. Aber es könnte der Moment gekommen sein, dass er seinen Job als Außenverteidiger aufgibt und wie zu Beginn seiner Karriere als linker Flügelspieler weitermacht. Erkin war zu keiner Zeit ein stabiler Abwehrspieler. Aber durch seinen Elan in der Offensive und seinen überragenden Flanken hatte er auf dieser Position unter Ersun Yanal bei Fenerbahce für viel Aufsehen gesorgt. Mittlerweile ist er vielleicht aber auch altersbedingt nicht mehr in der Lage hinten dynamisch zu verteidigen. So entstehen im Abwehrverbund viel mehr Lücken und die Kritik an seiner Person wächst. Wenn er sich aber nur auf die Offensive beschränkt, entwickelt er sich zu einem sehr wertvollen Spieler. Auch wenn er am nächsten Spieltag gegen Antalyaspor aufgrund einer Gelbsperre nicht mitwirken kann, wird ihn Avci danach sicherlich vor dem gut aufspielenden Pedro Rebocho auf der linken Außenbahn positionieren.

Avci kann zwischen Taktiken variieren

Avci hatte es bei seinem vorherigen Klub geschafft mehrere Spielsysteme zu installieren. Zunächst war seine Mannschaft eine tiefstehende Mannschaft, die für effiziente Konter gut war. Danach entwickelte sie sich von einer pressenden Mannschaft mit gutem Wechselspiel zu einer Ballbesitzmannschaft, die mit mehreren Passstafetten den Gegner zermürbt. Diese drei verschiedenen Spielstile konnte er innerhalb von verschiedenen Zeitabschnitten mit verschiedenem Spielermaterial einstudieren. Das machte ihn innerhalb der Liga zu einem geschätzten Übungsleiter, da die meisten Berufskollegen oftmals nur mit einem System spielen können. Diese erworbenen Erfahrungen sind jetzt ein Vorteil des 56-Jährigen. Vielleicht ist ihm sehr spät aufgefallen, dass er das letztgenannte Spielsystem bei Besiktas nicht sofort anwenden kann. Aber nun hat er verstanden, dass er anders agieren und reagieren muss. Es stimmt, dass das aktuelle System an sich nicht sehr anspruchsvoll ist. Aber es hilft definitiv um vorerst erfolgreich zu sein und mit der Zeit sein großes Vorhaben in die Tat umzusetzen. Während man in den ersten sechs Wochen nur mickrige fünf Punkte ergattern konnte, waren es in den letzten drei Spielen gleich sieben. Bemerkenswert ist zudem, dass man in den ersten Wochen pro Spiel zwei Tore hinnehmen musste, während man in den vergangenen drei Spielen keinen einzigen Treffer zuließ.

Schlussfazit: Noch nicht ausreichend, aber ein guter Anfang

Natürlich wird dieses System nicht immer den gewünschten Erfolg mit sich bringen. Denn es wird in der Süper Lig zu oft Mannschaften geben, die den Schwarz-Weißen den Ball überlassen möchten. Dementsprechend wird es nicht leicht sein gegen die destruktiv auftretenden Kontrahenten zu bestehen. Gegen solche Teams braucht man am Ende des Tages ein variables Spielsystem. Aber gegen die Gelb-Roten war es definitiv die richtige Entscheidung. Man muss gestehen, dass die Mannschaft von Galatasaray wertvoller besetzt und besser ist als die von Besiktas. Allerdings hatte Avci den klar besseren Matchplan. Und es ist im Fußball nicht außergewöhnlich, dass ein guter Matchplan einen auf dem Papier stärkeren Gegner schlägt. So wie es im Derby am Sonntagabend gegen Galatasaray der Fall war.

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M. Cihad Kökten

M. Cihad Kökten

2 Kommentare

  1. Avatar
    1. November 2019 um 9:24 —

    guter Artikel👍🏽👍🏽

  2. Avatar
    31. Oktober 2019 um 18:26 —

    Ein echt guter und ausführlicher Artikel.Gefällt mir weiter so👍

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