Galatasaray

Kommentar: Galatasaray & Domenec Torrent – Von Beginn an zum Scheitern verurteilt

Domenec Torrent und Galatasaray: In einer Saison, in der die Gelb-Roten in keiner Hinsicht die Erwartungen erfüllen konnten, rückte in der Rückrunde vor allem der Chefcoach in die Rolle des Schuldigen. GazeteFutbol-Redakteur Burak Aras blickt zurück auf die bisherige (und eventuell nun endete) Amtszeit des katalanischen Cheftrainers.

Die Situation vor Torrent

Galatasaray war englische Wochen aufgrund der Europa League gewohnt und hatte diese auch lange Zeit gut gemeistert. Nach zwölf Spieltagen waren die Gelb-Roten mit 21 Zählern immerhin auf Rang 4. Mit der 1:2-Niederlage gegen Fenerbahce am 13. Spieltag begann eine Talfahrt, die ihresgleichen sucht. Zwischen dem 12. und 20. Spieltag haben die Gelb-Roten in neun Partien lediglich einen Sieg bei vier Remis und vier Niederlagen geholt. Die Konsequenz war die Entlassung von Galatasaray-Ikone Fatih Terim. Ein Szenario, mit dem im Vorfeld eigentlich niemand gerechnet hatte.

Der Start von Torrent: Ein englisches Desaster

Das Team kam gerade aus der zweiwöchigen Winterpause, nach der man sich gegen Giresunspor geschlagen geben musste. Das Timing für die Einstellung von Torrent hätte tatsächlich nicht schlechter sein können. Terim war weg, nur ein Sieg aus den letzten neun Ligaspielen und Rang zehn. Nun war mit Torrent ein Mann an der Seitenlinie, der weder die Liga noch den Klub kannte. Entspannt war der Start ebenfalls nicht – denn es standen direkt drei Spiele an. Die Gegner hießen Hatayspor, Trabzonspor und Kasimpasa.

Alles in allem waren die Leistungen gegen diese Klubs in Ordnung. Insbesondere gegen Trabzonspor haben die Gelb-Roten das Spiel über weite Strecken dominiert und sind vor allem am herausragenden Ugurcan Cakir gescheitert. Am Ende fuhr man unter Torrent in den ersten drei Spielen dennoch keine Punkte ein. Die Enttäuschung war insbesondere so groß, da Galatasaray in allen drei Partien in Führung gegangen war. Letztendlich verspielte man diese Führungen teilweise schon kurios. Man denke beispielsweise an den Fehler von Taylan Antalyali vor dem 1:2-Gegentreffer gegen den späteren Meister aus Trabzon.

Nach Länderspielpause: Stabilisierung im Niemandsland der Tabelle

Nach dieser englischen Woche stand eine Länderspielpause an. Diese war auch bitter notwendig, um endlich ein wenig Ruhe in die Mannschaft einzubringen. Man muss im Anschluss nicht jedes Spiel im Detail analysieren. Nach zwei Remis gegen Aytemiz Alanyaspor und Kayserispor konnten die Gelb-Roten zwei immens wichtige Siege gegen Caykur Rizespor und Göztepe einfahren. Damit holten die Gelb-Roten mächtig Luft im Abstiegskampf. Bedrohlich wurde es im Anschluss zu keinem Zeitpunkt mehr. Stattdessen war klar, dass die Saison gelaufen ist und es nur noch um Schadensbegrenzung geht. Ob das mit 52 Punkten gelungen ist, ist fraglich.

Die zu bewältigenden Schwierigkeiten von Torrent

Blickt man jedoch aus psychologischer Sicht auf die Mannschaft, hat Torrent durchaus etwas geschafft. Nach elf Spielen hatten die Gelb-Roten 20 Punkte gesammelt – nach 23 Spieltagen waren es 27 Punkte. Galatasaray hat in zwölf Spielen sieben Punkte geholt – als Mannschaft, die ursprünglich um die Meisterschaft spielen wollte.

Die Kritik an Spielern wie Antalyali und Berkan Kutlu war überwältigend. Das Selbstvertrauen der Spieler war am Boden. Und Spieler wie Victor Nelsson, Marcao Teixeira, Sacha Boey, Antalyali, Kutlu, Kerem Aktürkoglu, Alexandru Cicaldau, Halil Dervisoglu, Baris Alper Yilmaz, Mostafa Mohamed, Olimpiu Morutan sind Akteure, die nicht die nötige Erfahrung haben, um mit so einer Situation umzugehen oder als Leader das Team voranzutreiben. Diese Auflistung beinhaltet nahezu den gesamten inneren Kern der Mannschaft.

Des Weiteren musste Torrent in den ersten Spielen auf Ismail Cipe im Tor setzen. Bei Cipe handelt es sich bei allem Respekt leider nicht um einen Fußballer, der den Sport auf professioneller Ebene ausführen könnte. Das hat er in all den Jahren mittlerweile zu oft unter Beweis gestellt.

Torrent musste von Beginn an auf Mbaye Diagne, Mohamed und Sofiane Feghouli verzichten –  alles Spieler, auf die Fatih Terim lange Zeit zugreifen konnte. Torrent musste ein kriselndes Team ohne Vorbereitung übernehmen. Und vor allem musste Torrent selbst mit dem medialen Hype und Druck umgehen können. Anstatt Spieler wie Antalyali oder Kutlu aufzugeben, hat er diese über Wochen hinweg aufgebaut. Das hat sich gelohnt. Zum Ende hin setzte Torrent vermehrt auf Erick Pulgar und hat auch hin und wieder auf Kutlu oder Antalyali verzichtet. Dennoch haben diese Spieler wieder einen Teil ihres Selbstvertrauens zurückgewinnen können.

Medien und Experten: Respektlosigkeit

Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals so viele abfällige Kommentare von „Fußball-Experten“ und Sportjournalisten über einen Trainer gehört und gelesen zu haben. Die fehlende Geduld im türkischen Fußball hat sich hier sehr oft gezeigt. Insbesondere ist die Mehrzahl dieser Experten als Trainer grandios gescheitert.

Wir dürfen nicht davon ausgehen, dass Torrent die Liga, den Verein und den Kader im Voraus über Monate und Jahre studiert hat, wie es bei den türkischen Fußballfans der Fall ist. Ein Trainer geht objektiv an die ganze Geschichte ran und urteilt nach seinen ersten Einschätzungen. Es ist tatsächlich nur logisch, dass ein Trainer in solch einem Fall zu Beginn vor allem auf Erfahrung setzt. Deswegen kann ich verstehen, dass am Ende immer wieder Bafetimbi Gomis und Ryan Babel in der Startelf standen (hierzu sei gesagt, dass Mohamed auch aufgrund von Verletzungen ausgefallen war). Die Erfahrung, die beide Spieler mitgebracht haben, war wichtig.

Fazit: Wie gut war die Amtszeit von Torrent?

Am Ende holte Torrent mit Galatasaray in 18 Ligaspielen 25 Punkte. Unter Terim holte das Team 27 Zähler in 20 Partien. Mit 1,39 zu 1,35 Punkten entschiedet Torrent das Duell in der Liga also für sich. Zählen wir die erste englische Woche unter Torrent nicht hinzu, sind es immerhin 1,67 Punkte.

Der Unterschied liegt allerdings darin, dass Terim diese Mannschaft nach seinen Wünschen zusammengestellt hat. Er ist mit dieser Mannschaft in die Vorbereitung gegangen und hat in der Europa League auch eine ausgezeichnete Mannschaft auf den Platz geschickt. Terim konnte sich nach den Partien nicht auf das Wesentliche fokussieren und ließ seine Mannschaft, die außer Fernando Muslera keine Führungsfigur auf dem Spielfeld hatte, mit Alibi-Trainern wie Selcuk Inan an der Seitenlinie allein. Terim ist mit am meisten dafür verantwortlich, dass die Mannschaft diese Talfahrt hinnehmen musste und psychologisch an einem Punkt angelangt war, an dem man nicht mehr an einen Sieg oder die eigenen Fähigkeiten glauben konnte.

Torrent hat mit seiner Ruhe wieder ein Umfeld für die Spieler geschaffen, in dem sie sich was zugetraut haben. Nach der Negativserie die Partien gegen Göztepe und Rizespor trotz Rückstandes zu gewinnen, hat vor allem mit dem Selbstvertrauen der Spieler zu tun gehabt.

Ich kann die Entscheidungen von Torrent auch nicht immer nachvollziehen. Wieso es ein Morutan nicht einmal in den Kader schafft, wirkt merkwürdig. Wieso Erick Pulgar zu Beginn nicht spielte, wissen wir nicht. Torrent wird seine Gründe dafür haben. Torrent geht sachlich und professionell an seine Aufgabe heran.

Ich hoffe inständig, dass Torrent weiter auf seinen Vertrag bestehen wird. Das tue ich nicht, weil ich ihn für einen grandiosen Trainer halte, sondern weil es einfach sein Recht ist. Ich würde mir wünschen, dass es mehr Hajrovics und Kruses in der Süper Lig gibt. Genauso auch auf der Trainerbank. Alle Spieler sollten auf die im Vertrag vereinbarten Klauseln bestehen. Und wenn es letztendlich den Untergang der „Großen Vier“ bedeuten würde, wäre das eben so. Die Türkei lügt sich oft vor, sie wäre eine Fußballnation. Dabei sieht man kaum mehr als blinden Fanatismus.

Zu Torrent und Galatasaray lässt sich sagen, dass die Ausgangssituation ein Scheitern von Beginn an mehr als nur begünstigt hat. Vorwürfe kann man viele machen, Torrent trägt am Ausgang der desolaten Saison bei Galatasaray allerdings nicht den Hauch einer Schuld.





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6 Kommentare

  1. 24. Mai 2022 um 19:04 —

    Seit langem mal wieder ein wirklich gelungener Artikel. Alles super zusammengefasst!

  2. 24. Mai 2022 um 11:24 —

    Torrent tat mir schon seit seiner Ankunft leid. Er wusste überhaupt nicht, worauf er sich hier einlässt. Er kennt unsere türkischen Medien nicht, die Liga ist ein unbekanntest Pflaster, die Spieler sind relativ jung und unbekannt und wir waren zu dem Zeitpunk einfach angeschlagen im Mittelfeld und hatten einen Derby verloren.
    Klar lässt man sich so eine Gelegenheit nicht entgehen und will, anstatt als Co-Trainer, auch mal selber der Chef sein.
    Terim hat diesen Kader erstellt, die Spieler geholt und eingesetzt.
    Ich sage es immer und immer wieder, Terim ist Schuld für diese schlechte Saison. Torrent ist nur ein Opfer und muss seinen Kopf hin halten.
    Wir hatten kein Geld um irgendetwas in der Winterpause einzukaufen. Ein Pulgar war nicht unsere erste Wahl, da Gedson schon im Flieger zu uns saß und wir keinen Cent bzw. keine Spieler verkaufen konnten, landete dieser eben bei BJK. Das ganze Geld hatte ja ein Terim total verpulvert.
    Spieler wie Taylan und Berkan, auch wenn ich beide nicht sonderlich mag, mussten einfach spielen weil wir keine Alternativen haben. Wenn man 90 Minuten von den eigenen Fans beleidigt und ausgepfiffen wird, geht das irgendwann an die Psyche. Beides sind keine schlechten Kicker, aber unter diesen Umständen kann man keine Leistungen bringen.
    Die Saison war zum vergessen und ich bin froh, dass jetzt alles zu Ende ist. Ich gehe davon aus, dass Torrent unter dem neuen Präsidenten keine (richtige) Chance bekommen wird. Wohl eher wird man sich Okan Buruk schnappen, der ja auch auf uns wartet seit Monaten.
    Wie gesagt tut mir Torrent extrem leid, aber so läuft alles in der Türkei. Da stellen dir die Medien fragen, die ein türkischer Trainer nie im Leben auf einer PK zu hören bekommt. Dann hat man noch die ganzen zurückgebliebenen Terim-Fans die Torrent nicht unterstützen.

    Der Artikel ist sehr gut geschrieben. Da kann ich eigentlich nur nach mehr fordern.

  3. 24. Mai 2022 um 9:33 —

    Wie galaman1905 schrieb, würde ich auch gegen Ende auf Gomis und Babel verzichten und stattdessen auf Mostafa Mohamed (Halil) und auf Morutan (Baris) setzen.

    Wir müssen doch wissen, wer nächste Saison uns weiter bringt…

    Mit Yunus Akgün haben wir aber einen RA, evtl. wurde daher Babel eingesetzt, weil man fest mit Yunus plant, aber das ist nicht der richtige Weg.

    Kerem wird uns wohl verlassen, sein Post auf Insta war ja schon eine Verabschiedung pur…

    Bin gespannt auf nächste Saison… Ich hoffe diese Spieler bleiben:
    Victor, Marcao, Pulgar, Mostafa, Kerem (der ist aber zu 99% weg).
    Ich mein wenn GS jetzt Victor und Marcao verkauft… dann sind wir nächste Saison noch mehr geliefert…

  4. 24. Mai 2022 um 9:05 —

    Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

    Ich würde definitiv noch ein Jahr mit Torrent gehen. Ihn in Ruhe seine Arbeit machen lassen und einfach mal Geduld zeigen.

    Und all die sogenannten Fußball Experten im TV komplett ignorieren.

  5. 24. Mai 2022 um 9:04 —

    Super Beitrag. Ich sehe nur einen Pkt. anders. Unzwar das mit den erfahrenen Spieler. Klar, dass man in einer schweren Situation eher auf Erfahrene setzt. Doch zum Schluss konnten wir nichts mehr gewinnen oder verlieren. Hätte es wirklich so sehr wehgetan, einen Babel auf die Bank zu setzen und Baris oder Morutan eine Chance zu geben? Davon mal abgesehen, dass Babel bis auf Ballverluste und langsames spielen nichts produktives geleistet hat…

    Ansonsten gebe ich euch Recht, Torrent trägt keine Schuld. El Terimo ist der El Grande, der einfach verkackt hat. Und er möchte es wie die anderen Türken machen. Nicht aufhören, wenn es mal gut ist. Noch haben die Leute Respekt. Doch er will einfach nicht. Er schadet eher seit 3 Jahren Galatasaray. Und sagen wir mal, ok, er ist eine Legende und darf sich sowas erlauben. Das, was er mit Cengiz abgezogen hat, war einfach zu viel. Und dabei hat er mal sowas von verkackt bei mir. Cengiz hat viel viel viel wichtigere Sachen gemacht, als Terim in den 3 Jahren. Und hätten wir jetzt einen Baskan, der das fortgeführt hätte, hätten wir langfrisitg gute Aussichten gehabt. Doch dank Terim können wir das abhaken. Jetzt dürfen wir uns mit einem Scheißbek oder Hamamcioglu vergnügen. Und Möglicherweise wieder mit einem Terim. Grundstücke weg, gute Finanzen weg, gute junge Spieler weg usw…

    Naja, ich hoffe auch, dass Torrent so viel Geld wie Möglich bekommt für den Mist, den er durch machen musste.

    Auch wenn ich schon vorher eher weniger einen Torrent bei uns sehen wollte, sondern einen Buruk: Respekt an Burak Elmas, dass er sich sowas getraut hat. Es kam so viel Druck von außen, dennoch hat er sein „Projekt“ Torrent durchgezogen. Von den 20 Trainern in der Süper Lig, ist Torrent bestimmt was Taktik und Erfahrung bei wichtigen Spielen angeht, die Nr. 1. Die Frage ist nur, die ich mir häufiger stelle, ob er das als Trainer auch gut umsetzen kann… Und das war glaube ich auch bei den Meisten im Kopf: Er war ja vorher eher ein Co-Trainer und bei seinen beiden Trainer Stationen konnte er auch nichts wuppen.

    Das schlimmste Szenario: Scheißbek Baskan, Terim Trainer, Arda Turan Co-Trainer…

    Ein Szenario, was ok wäre: Hamamcioglu Baskan, Buruk Trainer und Co-Trainer Balta oder sonst wer…

  6. 23. Mai 2022 um 20:17 —

    Exzellent verfasst. Besser kann man die Situation nicht beschreiben und wahre Worte.

    Thumbs Up.

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