Trabzonspor

Kommentar: Erst Retter, dann Sündenbock – Der Abschied von Joao Pereira


Am Montag verkündete Trabzonspor die Vertragsauflösung mit Kapitän Joao Pereira. Zu schnell und nicht nachvollziehbar verlief die Situation um den Portugiesen. Die Fans mussten nun von einem weiteren Publikumsliebling Abschied nehmen. In der Vergangenheit waren es Spieler wie Shota Arveladze, Hami Mandirali, Ünal Karaman, Gökdeniz Karadeniz, Fatih Tekke oder Ibrahima Yattara. Was sie alle gemeinsam haben, ist eine ausgebliebene Würdigung ihrer Leistungen für den Verein. Mit der Vertragsauflösung gesellt sich Pereira ebenfalls zu den oben genannten Spielern, die zwar viel für den Verein geleistet, allerdings nicht entsprechend verabschiedet wurden.

Pereira avancierte zum Publikumsliebling

Satte 122 Partien absolvierte der Portugiese seit Januar 2017 für das Team von der Schwarzmeerküste und gehört seit der vergangenen Saison zu den Kapitänen der Mannschaft. Der 36-Jährige fungierte als Vorbild in puncto Vereinsidentifikation, Leidenschaft und Ehrgeiz. Nicht umsonst erhielt der ehemalige portugiesische Nationalspieler trotz seines fortgeschrittenen Alters ein Angebot zur Vertragsverlängerung zu Beginn der Spielzeit. In den Augen der Fans hat Pereira besonders aufgrund seiner Identifikation mit der Stadt Trabzon, die sonst von vielen ausländischen Spielern schlecht geredet wird, viele Sympathiepunkte. Der Außenverteidiger avancierte nicht nur durch seine leidenschaftliche und manchmal grenzwertig verrückte Spielweise zum Publikumsliebling. Auch seine unermüdliche Offensivkraft machte ihn zum ehrwürdigen Nachfolger seines Landsmannes José Bosingwa.




Widersprüchliche Vorgehensweise von Abdullah Avci

Noch vor zwei Wochen wurde der 36-Jährige in der Partie gegen Fraport-TAV Antalyaspor nach einer schwachen Vorstellung von Serkan Asan als “Retter” eingewechselt, um über den rechten Flügel Impulse zu setzen. Pereira machte eine gute Figur und sorgte für mächtig Wirbel auf seiner Seite. Trainer Abdullah Avci würdigte seine Leistung mit lobenden Worten nach der Partie. Wie die lokale Presse berichtete, wurde der Portugiese in den nachfolgenden Trainingseinheiten in der ersten Elf für die nächste Partie getestet. Aus dem Nichts entschied Avci, dem Außenverteidiger ein Karriereende nahezulegen und einen Job im Trainerstab anzubieten. Nachdem Pereira sich gegen ein Karriereende aussprach, wurde er von den Trainingseinheiten verbannt. Ein unwürdiger Umgang mit einem Spieler, der so viel für den Verein geleistet hat.

Auch wenn er weder leistungstechnisch noch von seinem Werdegang her mit Pereira vergleichbar ist, gab es bei der Suspendierung von Bilal Basacikoglu Parallelen. Der Flügelspieler wurde nur eine Woche nach dem er von seinem Trainer für seine Qualitäten gelobt wurde suspendiert. Umso mehr Fragen kommen daher auf, was die tatsächliche Ursache für die Vertragsauflösung mit dem 36-Jährigen ist.

Mehr Druck auf den Schultern von Serkan Asan

Weder finanziell noch sportlich gesehen ergibt die vorzeitige Trennung von Pereira einen Sinn. Vier Monate vor Vertragsende hat sich Trabzonspor dazu verpflichtet, weiterhin das dem Portugiesen zustehende Gehalt zu zahlen. Mal abgesehen davon, dass der Vorstand um Klubchef Ahmet Agaoglu keinen adäquaten Ersatz parat hat, erhöht dieser Vorgang den Druck auf den 21-jährigen Serkan Asan. Der U21-Nationalspieler muss von nun an liefern, da alle Augen auf ihn gerichtet sind. Mit dem verletzungsanfälligen Kamil Ahmet Cörekci hat er außerdem keine ernstzunehmende Konkurrenz. Anstatt die bereits bestehenden Baustellen im Team zu beheben, schaffen Avci und der Vorstand trotz eines finanziellen Engpasses neue Baustellen. Für Agaoglu und Avci bleibt zu hoffen, dass sie diese voreilige Entscheidung in diesem engen Matchkalender nicht bereuen. Pereira gesellt sich damit zu den Spielern, die viel für den Klub geleistet, allerdings nicht einmal einen normalerweise selbstverständlichen, würdigen Abschied erhalten haben.

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