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Home»Süper Lig»Genclerbirligi-Ehrenpräsident Ilhan Cavcav: Der Revolutionär der türkischen Transferpolitik
Süper Lig 19. September 2022

Genclerbirligi-Ehrenpräsident Ilhan Cavcav: Der Revolutionär der türkischen Transferpolitik

Von Yusuf Senel25 Minuten Lesezeit
Genclerbirligi Ilhan Cavcav
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Ilhan Cavcav
Foto: IHA

Ilhan Cavcav gilt in der Türkei als einer der langlebigsten und legendärsten Klubpräsidenten, die die türkische Fußballgeschichte zu bieten hat. Seine Verhandlungsstrategien und seine Buchführung haben dazu geführt, dass sein Verein während seiner Amtszeit schuldenfrei blieb.

Cavcavs Leben

Ilhan Cavcav wurde am 04. November 1935 geboren und im Jahr 1978 der 22. Präsident der Genclerbirligi-Klubgeschichte. Der Geschäftsmann schaffte es, ununterbrochen 39 Jahre für den Verein zu arbeiten, ehe er schwer erkrankte und 2017 verstarb. Nach anfänglichen Schwierigkeiten schaffte es Cavcav, dass sein Klub knapp 30 Jahre im türkischen Oberhaus vertreten war. In der Saison 2003/04 nahmen die Rot-Schwarzen auch am UEFA-Cup teil, ehe sie sich im Achtelfinale gegen den späteren Sieger FC Valenica in der Verlängerung geschlagen geben mussten.

Cavcavs Visionen 

Um den Klub langfristig aufrechtzuerhalten, hatte Cavcav eine simple Strategie. Entweder holte er günstige Spieler aus dem Ausland und verkaufte sie dann teuer, oder man bildete die Jugendspieler selbst aus. Wichtig dabei zu erwähnen ist, dass Cavcav mit den Scouts intensiv kooperierte, sodass er die Spieler auch mal persönlich beobachtete. So verpflichtete er zur Saison 1993/94 Ace Kushe, John Moshoeu und Andre Kona, die allesamt aus dem afrikanischen Kontinent kamen. Zu der Zeit war es für die türkischen Vereine nicht üblich, Spieler aus Afrika zu holen, da man den Fokus auf die Balkanstaaten setzte. Der bekannteste Spieler, der je von Cavcav aus Afrika geholt wurde, ist der Kameruner Geremi Njitap. Der Mittelfeldspieler wurde zur Saison 1997/98 für 150.000 Dollar gekauft, zwei Jahre später klopfte Real Madrid an und Cavcav ließ ihn für fünf Millionen Dollar ziehen. Statt das Geld für teure und erfahrene Spieler auszugeben, investierte er in die Jugendabteilung und baute eine zu der Zeit sehr moderne Trainingsanlage auf.

Die „Vier Großen“ als beste Verkaufspartner

Vor allem zwischen den Jahren 1990-2000 schaffte es der Klub aus der Hauptstadt immer wieder Geld durch Verkäufe in die eigene Kasse zu spülen. Dabei erwies sich Fenerbahce als bester Verkaufspartner. So wurden Spieler wie Gökhan Gönül (1,25 Mio. Euro), Serkan Balci (zwei Mio. Euro), Deniz Baris (eine Mio. Euro) oder Ümit Özat (500.000 Euro) verpflichtet. Jedoch erwiesen sich einige Transfers auch als Fehlgriffe, als man beispielsweise für Ismail Güldüren und Orhan Sam insgesamt 4,3 Millionen Euro ausgegeben hat. Das größte Missverständnis war zweifelsohne der Transfer eines gewissen Tarik Dasgün, als der damalige Fenerbahce-Präsident Ali Sen 125 Milliarden TL in den türkischen Youngster investierte und dieser in Istanbul nicht Fuß fassen konnte. Auch Galatasaray profitierte von Cavcavs Jugendarbeit und konnte Spieler wie Ergün Penbe, Ümit Karan (2,5 Mio. Euro) oder Ahmet Calik (2,5 Mio. Euro) für beachtliche Summen verpflichten. Besiktas bediente sich vom Hauptstadtklub ebenfalls und lotste bekannte Namen wie Ali Tandogan (eine Million Euro), Okan Koc (1,4 Mio. Euro), Mustafa Pektemek (vier Mio Euro), Suleymanou Youla (1,15 Millionen Euro) oder Ahmed Hassan Richtung Dolmabahce. Trabzonspor hingegen bezahlte für Soner Aydogdu, Aykut Demir und Isaac Promise mehr als sechs Millionen Euro. Der letzte große Verkauf Cavcavs war der heutige Nationalspieler Irfan Can Kahveci, der Medipol Basaksehir damals 1,7 Millionen Euro gekostet hat.

Cavcavs Geheimstrategien

All diese Verkäufe haben unter anderem dazu geführt, dass der Klub bis zu seinem Tod keine Schulden an andere Vereine oder Bänke hatte. Er verhandelte mit den Vereinen höchstpersönlich, sodass er die Managerkosten weitestgehend umgehen konnte. Es wurde mit Mannschaften wie Oftasspor kooperiert, damit die Jugendspieler genug Spielpraxis auf hohem Niveau bekommen konnten. Die Siegprämien betrugen nie mehr als 10.000 TL pro Spieler, nach seinem Tod stiegen diese auf 40.000-50.000 TL an. Die Spieler bekamen zwar im Gegensatz zu den anderen Süper Lig-Vereinen nicht viel Gehalt, jedoch kam es immer pünktlich an. Um weitere Kosten zu sparen, bevorzugte Cavcav Flüge in der zweiten Klasse. All diese Maßnahmen haben dazu geführt, dass der Verein während Cavcavs Amtszeit nie auf die Stadtverwaltung oder die Politik angewiesen war. Außerdem prophezeite er am Anfang der Jahrtausendwende die ungesunde wirtschaftliche Führung der türkischen Vereine, seine Appelle wurden von den damaligen Präsidenten jedoch nicht ernstgenommen.

Die negativen Seiten

Wer so lange verantwortlich für einen Verein ist, kann auch Entscheidungen treffen, die man hätte anders treffen können. Beispielsweise war Cavcav sehr ungeduldig mit seinen Trainern. In knapp 40 Jahren tauschte er 58 Mal den Trainer aus. Yilmaz Vural war zum Beispiel nur für fünf Tage für die Mannschaft verantwortlich, ehe sein Vertrag aufgelöst wurde. Außerdem tendierte der verstorbene Präsident häufiger dazu, von seiner Loge Anweisungen zu geben oder die Aufstellungen zu bestimmen. Ab der Saison 2007/08 platzierte sich Genclerbirligi eher im Niemandsland der Süper Lig. Bis zur Saison 2016/17 landeten die Rot-Schwarzen stets zwischen Rang acht und 15. Statt seine Mannschaft punktuell zu verstärken, fokussierte sich Cavcav mehr auf die Spielerverkäufe. Als sich die letzten gescouteten Spieler als Flops erwiesen, trennte er sich von seinem langjährigen Assistenten Cem Onuk, der auch gleichzeitig ein sehr guter Freund von ihm war. Trotz seiner Krankheit versuchte Cavcav weiterhin aktiv zu bleiben. So verhandelte er mit einigen Spielern direkt im Krankenhaus, wobei nicht alle Vorstandsmitglieder damit zufrieden waren und es zu internen Unstimmigkeiten kam.

Die Ära nach Cavcav

Nach Cavcavs Tod im Januar 2017 übernahm sein Sohn Murat Cavcav das Amt. Es seien 70 Millionen TL in der Portokasse und man wolle weiterhin die Philosophie des Vaters umsetzen, hieß es. Daraus wurde jedoch nichts, denn um den Abstieg zu vermeiden, setzte der neue Vorstand erstmals auf teure Namen. So wurde für Sessegnon (600.000 Euro für ein halbes Jahr), Jailton (800.000 Euro), Manu (350.000 Euro), Skuletic (300.000 Euro) verhältnismäßig viel Geld in die Hand genommen, der Klassenerhalt dennoch verpasst. Genclerbirligi stieg ironischerweise in der „Ilhan Cavcav Sezonu“ ab. In der folgenden Saison wurde wieder besser gearbeitet und der neue Vorstand versuchte, Cavcavs Tugenden wieder zu verinnerlichen. So konnte man Mert Cetin für umgerechnet drei Millionen Euro nach Italien verkaufen, gepaart mit dem direkten Wiederaufstieg, ehe man das Jahr darauf wieder in die Zweitklassigkeit musste. Mittlerweile dümpelt der Verein im Mittelfeld der zweiten Liga herum. Mit der Hoffnung, den Geist eines Ilhan Cavcav eines Tages wieder aufleben zu lassen.

2 Kommentare

  1. galaman1905 Am 19. September 2022 10:03

    Wir brauchen wieder solche Teams in der Liga. Genclerbirli, Eskisehir etc… Die haben noch bisschen Atmosphäre in die Liga gebracht.

    Keine Osmanlispors, Kasimpasas, Boksehirs usw…

  2. Kubinho74 Am 19. September 2022 9:44

    Ich war eigentlich nie ein Fan von Ilhan Cavcav. Gerade mit seinen Aussagen, wie Spieler dürfen keine Tattoos haben, keinen Bart tragen und die Haare kurz haben. Solche Aussagen finde ich im 21. Jahrhundert echt unpassend.
    Dass seine Philosophie damals Früchte getragen haben, war unglaublich und gar nicht so dumm. Junge afrikanische Spieler holen für wenig Geld und teuer weiterverkaufen.
    Ich wusste bis vor einigen Jahren gar nicht, dass Genclerbirligi der einzige türkische Verein ist, der nicht verschuldet ist. So was ich echt beachtlich, da hat Cavcav sehr gute Leistungen gezeigt.
    Sinnbildlich für türkische Vereine, wenn man wirklich Richtung Abstieg schlendert, dass man die Philosphien vernachlässigt und wild einkauft.
    Ich hoffe echt, dass Genclerbirligi irgendwann wieder aufsteigt und sich dort festhalten kann. Ich halte den Verein nämlich für einen Traditionsverein und solche will ich immer in der ersten Liga sehen.

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