Süper Lig

Kolumne: Die Türkei stellt sich erneut selbst ein Bein


Gestern wurde die befürchtete Neuauflage der “revolutionären” Regeländerung im türkischen Fußball offiziell verkündet. Wie zuvor berichtet, müssen sich die Süper Lig-Vereine in den kommenden Jahren erneut einer strengeren Ausländerregelung anpassen. Seit mehr als zehn Jahren bin ich nun treuer und leidenschaftlicher Anhänger des türkischen Fußballs. Es ist die Liebe zu meinem Verein, die mich über so einige Vorfälle und Entscheidungen hinweg sehen ließ. 5+1+2, 6+2+2, 6+0+4 – von den Meisten als simple Rechenaufgaben wahrgenommen, stellen diese Formeln für mich die Stolpersteine in der Entwicklung der Türkei als große Fußballnation dar.

Die oben gelisteten Zahlen repräsentieren der Reihe nach die Anzahl der Ausländer auf dem Platz, der Bank und der Tribüne. In den vergangenen zwölf Jahren wurde die Ausländerregelung in der Türkei stolze acht Mal angepasst. Der kurioseste Vorfall ereignete sich beim Derby zwischen Besiktas und Fenerbahce. Als in der Saison 2000/01 die 5+1 -Regel galt (hier entsprach die eins der Tribüne), machte Fenerbahce-Coach Mustafa Denizli einen fatalen Fehler. Bei vier Ausländern auf dem Platz, brachte Denizli mit Revivo und Rapaic zwei weitere auf das Feld. Die Partie wurde daraufhin mit einer 0:3-Niederlage für die Gelb-Marineblauen gewertet.

Seit 2015 durften die Vereine 14 Ausländer im 28-Mann-Kader vorweisen. Die Lockerung ging so weit, dass die Mannschaften in ihren Startformationen gänzlich auf Türken verzichten konnten. So ging der achte Spieltag der Süper Lig Saison 2017/18 in die Geschichtsbücher ein, als Galatasaray gegen Ittifak Holding Konyaspor ohne türkischen Spieler in der Startelf auflief. Bereits ein Jahr zuvor marschierten die „Schwarzen Adler“ von Besiktas in der Champions League-Partie gegen den SSC Napoli ohne Türken auf das Feld.

Dem regelkonformen Liga-Auftritt der Gelb-Roten folgte Entsetzen im ganzen Land. “Wer wird denn die Nationalhymne singen?”, fragten sich besorgte Fußballspezialisten und Teilzeit-Fans. Die Gesangskünste sind doch das Wichtigste in Fußball, oder? Durch den ausbleibenden Zwangseinsatz überteuerter türkischer Spieler verkümmerte die Nationalelf und scheiterte kläglich in der Qualifikation zur EURO 2020! Wie wir alle wissen, kam es natürlich anders. Durch den Arbeitswillen und Einsatz einer wahrlich aufregenden Generation, boten die Halbmond-Kicker unter anderem Weltmeister Frankreich die Stirn und versetzen das Land in Ekstase.

Die Hauptakteure dieser jungen Truppe sind Spieler, die sich gegen ihre ausländischen Mitstreiter durchsetzen konnten. Spieler, die früh den Schritt in Richtung Europa gewagt haben. Wie der OSC Lille-Legionär Yusuf Yazici bereits hervorhob, brauchen die talentierten Kicker einen freien Konkurrenzkampf (zum Interview). Wer die Ambitionen auf einen Startplatz und eine erfolgreiche Karriere hat, muss dafür kämpfen! Warum sehen die Führungsriegen der Süper Lig solch skurrile Vorgaben als notwendig an? Die Türkei ist ein fußballverrücktes Land und besitzt grundsätzlich viel Potential. Eine Startplatzgarantie für heimische Spieler ist hierbei aber sicherlich nicht der förderlichste Ansatz.

Um ehrlich zu sein, verstehe ich es nicht, wie die Süper Lig-Vereine diesen ständigen Wandel akzeptieren können. So wird eine langfristige Planung unmöglich gemacht. Jedes Jahr propagieren Vereinsoffizielle mit begrenztem Horizont, dass die Anzahl ausländischer Spieler reduziert werden muss. Nun haben sie ihr Ziel erreicht. Auch wenn die neue Regelung den verpflichtenden Einsatz von Nachwuchsspielern vorsieht, ist dieser Punkt meiner Meinung nach mit Vorsicht zu genießen. Zu oft wurden Talente von Seiten der Fans vorzeitig hochgelobt, ausgebuht und dann abgeschrieben. Einigen standen die Star-Allüren und der gesicherte Startelfplatz im Weg, weswegen ihre Entwicklung stagnierte. Das alles ist aber wohl eher der türkischen Mentalität und dem Drang nach kurzfristigen Erfolgen zuzuschreiben und somit ein ganz anderes Thema.

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Hakan Salman

Hakan Salman

1 Kommentar

  1. Avatar
    9. Juli 2020 um 12:19

    Naja, einige sind dafür, da sie sich dadurch einen Vorteil erhoffen… Wie Terim schon sagte: Einige Vereine sprachen schon länger darüber und haben sich dementsprechend vorbereitet.

    Das ist der größte Müll, wie unser Fussball…

    Und sche… auf Gala, Fener oder Besiktas. Es schadet uns allen. Und da sollte man eigentlich zusammen arbeiten. Ich freu mich schon auf Tariks usw… Jetzt werden die Vereine finanziell noch mehr in die Brüche gehen.

    Danke an die Vereine bzw. den Präsis, die das unterstützt haben. Danke an Nihat Özdemir. Die haben Glück, dass wir unsere Vereine lieben, denn ansonsten würde sich keiner diesen Müll antun.

    Jetzt wird Basak Meister. Erdo kann die dann, wie letzte Saison schon geplant, an die Araber verkaufen. Ich könnte kotzen. Ich zahle sowieso 40 € jeden Monat für diesen Müll. Nur wegen Galatasaray. Die letzten 10 Jahre hat Erdo uns beklaut. Neyse, ich schweife wieder ab.

    Viel spaß wünsche ich uns allen.

    Nur nochmal zu der Jugendförderung: Statt so eine schwachsinnige Regelung einzuführen, könnte man doch die Vereine dazu zwingen, mehr in die Jugend zu investieren. Jede Saison müssen 1-2 Jugendspieler hochgezogen werden (Profivertrag). Und die müssen jeweils 5-10 Pflichspiele absolvieren… Irgendwie so in diese Richtung. Damit würde man die Jugend mehr fördern.

    So sehen wir wieder 25 jährige Anadolu Kicker, die für 5-6 Mil. verkauft werden, die nicht mal Profi Qualitäten besitzen…